Remscheid: Armut ist keine Frage des Schicksals

Remscheid: Armut ist keine Frage des Schicksals

Das Risiko, sein Alter als Armer in Remscheid zu verbringen, ist gestiegen. 1500 Menschen leben von Grundsicherung.

Wer sein Leben lang arbeitet, hat auch im Alter ein gutes Auskommen. Mit diesem Märchen des Sozialstaates räumte Dr. Johannes Hensel, Direktor des Diözesan-Caritasverbandes Köln, bei einer Fachtagung im Neuen Lindenhof in Honsberg auf. Es zeichne sich ab, dass immer mehr Menschen am Ende ihres harten Berufslebens genauso viel Rente bekommen, wie Menschen, die nie gearbeitet haben und immer von steuerfinanzierten Sozialleistungen (über)lebten. Schicksal? "Nein", sagt Hensel, "Armut ist das Ergebnis von Politik". Oder um es mit den Worten von Nelson Mandela auszudrücken: ""Armut ist nicht natürlich, sie wurde von den Menschen geschaffen und kann deshalb überwunden werden. Die Beseitigung der Armut ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern der Gerechtigkeit."

In Remscheid wächst die Anzahl der Menschen, die im Alter arm sind. Davon gehen Statistiker aus. 1500 Personen beziehen zurzeit Grundsicherung. Es könnten mehr sein. Aber viele Bedürftige, die Geld vom Staat erhalten könnten, gehen aus Scham nicht zum Sozialamt. "Diese Menschen sind keine Bittsteller, sondern haben Anspruch auf Unterstützung", sagte Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz.

22 Prozent aller Remscheider haben das Alter von 65 Jahren überschritten. 2030 sollen es bereits 26 Prozent sein. Laut Statistik lebt jeder 7. Rentner unterhalb der Armutsrisikogrenze, die bei 918 Euro liegt. Besonders häufig von Armut betroffen sind Frauen. Im Jahr 2014 bekam eine Rentnerin in Nordrhein-Westfalen im Schnitt 553 Euro Rente, Rentner erhielten 1116 Euro. "Wer im Alter keinen Partner hat, für den wird es ganz eng", sagt Hensel weiter.

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Um Armut in Deutschland zu bekämpfen, müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden, betonte der Fachmann. Armut sei aber ein komplexes Problem, das von manchen Politikern als solches nicht erkannt werde. Hensel nannte drei Gründe, die für das erhöhte Armutsrisiko für Menschen im Alter verantwortlich sind. Die Kürzung des Rentenniveaus auf 43 Prozent aus dem Jahr 2004, die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, was faktisch eine Kürzung bedeutet, und dass seit 2011 keine Rentenbeiträge mehr für Hartz-IV-Empfänger bezahlt werden. "Kein Wunder, dass sich die Zahl derer, die Sozialhilfe beziehen, sich seit 2003 verdoppelt hat", sagte Hensel.

Armut darf Menschen nicht vom Leben ausschließen, sagt der Oberbürgermeister. In verschiedenen Workshops sammelten die Teilnehmer Ideen, wie es armen Menschen bessergehen könnte. Sandra Engelberg, Geschäftsführerin der Caritas, zeigte sich erfreut über die rege Diskussion. Beim Thema "Gesundheit" und "Mobilität" kam zum Beispiel die Anregung, über moderne Medien einen Kontakt zum Arzt herzustellen oder auch die Fahrt mit dem Bus kostengünstiger zu gestalten. Es werde nun nach Wegen gesucht, die Ideen auch in die Öffentlichkeit zu tragen, sagte die Caritas-Geschäftsführerin.

(RP)