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Anny Hartmann in Remscheid mit bitterbösem Kabarett-Monolog

Lennep : Bitterböser Kabarett-Monolog

Rund 50 Zuschauer feierten die Abrechnung von Kabarettistin Anny Hartmann mit Politik, Wirtschaft und Lobbyismus in der Lenneper Klosterkirche.

Der Mensch, heißt es, sei ein Gewohnheitstier. Da muss etwas dran sein. Denn mittlerweile ist es gefühlsmäßig doch normal, in der Klosterkirche auf Abstand zu sitzen, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen und die Veranstaltungen ohne Pause zu genießen. Klar, anders wäre schöner, aber noch anders, also ganz ohne Veranstaltungen, wäre weitaus schlimmer. Und so ist man dankbar für alles, was man zu sehen bekommen kann.

Etwa am Freitagabend die Kölner Kabarettistin Anny Hartmann. Die war mit ihrem aktuellen Programm „NoLobby is perfect“ nach Lennep gekommen - und etwa 50 Gäste wollten die bissige Show im Minoritensaal sehen. Dazu kamen noch rund 20 virtuelle Zuschauer, die ein Ticket für den Live-Stream erstanden hatten, wie Kulturmanagerin Sonja Tewinkel nach der Veranstaltung erfreut mitteilte.

Anny Hartmann war gut drauf, die Kölnerin kam auf die Bühne und legte sofort los. „Ich war ein halbes Jahr allein zu Hause, das muss jetzt alles raus!“, sagte sie. Was beinahe wie eine Entschuldigung klang, entpuppte sich als bitterböser Wortschwall, der aber mit viel Liebreiz in der Stimme präsentiert wurde. Das war auch nicht verkehrt, denn schließlich zündete eine böse Pointe noch besser, wenn sie zuckersüß dargeboten wurde.

Etwa als sie vom Erben sprach: „Wer erbt, macht das doch ohne eigenes Zutun. Also, in der Regel.“ Oder von ihren ehemaligen Arbeitskollegen. „Ich habe ja bei der Sparkasse gearbeitet. Sparkasse - das ist, als ob man Bänker mit Beamten gekreuzt hätte.“

Es ging, wie der Programmtitel schon andeutete, um das Thema Lobbyismus. Und damit um das Thema Politik. Anny Hartmann war eine scharfe Beobachterin, die in der Tradition von Dieter Hildebrandt, Volker Pispers und Bruno Jonas die Gebaren in Politik und Wirtschaft genüsslich sezierte. Da passte es natürlich, dass sie an einer Stelle den 2013 verstorbenen Scheibenwischer-Mitbegründer Hildebrandt zitierte: „Politik ist nur der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.“ Und die Wirtschaft habe alle ihre zehn Finger tief in der Politik: „Auf einen Abgeordneten kommen acht Lobbyisten. Eigentlich müssten die doch Achtgeordnete heißen.“ Und es sei auch kein Wunder, dass so viele Politiker in die Wirtschaft wechselten: „Nach all den langen Jahren im Parlament wollen sie eben auch mal echten Einfluss ausüben können.“

Anny Hartmann knöpfte sich alle vor – Friedrich Merz und seine Verbindungen zu Black Rock, Olaf Scholz und seine Vergesslichkeit um den Cum-Ex-Skandal, die Ungerechtigkeiten einer fehlenden Vermögenssteuer und Julia Klöckner, das „Nestlé-Häkchen der Bundespolitik“. Und natürlich Donald Trump. „Mich wunder, dass er nicht schon viel früher Corona bekommen hat. Aber da sieht man: Selbst Viren haben ihren Stolz.“

Bei all dem Witz, den Anny Hartmann fraglos transportierte, war es ihr ganz ernst mit ihrem Feldzug gegen den Lobbyismus. „Ich glaube, dass der Lobbyismus 2.0 demokratiegefährdend ist. Deutschland habe definitiv ein Lobbyisten-Problem, denn nur Deutschland und Ungarn hätten kein Lobbyregister.

Es sei Vieles machbar in Deutschland, man müsse das nur umsetzen. Und dann eben auch mal in eine Gruppe investieren, die keine Lobby habe: Pflegekräfte. „Ja, die haben ein wenig Applaus bekommen, aber eine Lobby haben sie nicht.“

Zum Schluss bedankte sich Anny Hartmann noch von Herzen bei ihrem Publikum – verbunden mit einem Appell, auch weiterhin ins Theater zu gehen. „Denn es mag wie ein Monolog klingen, was ich hier mache - aber in Wahrheit ist es immer ein Dialog. Mit Ihnen.“