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Anna Mateur in Remscheid: Eine Vollblut-Künstlerin vor intimer Kulisse

Kultur in Remscheid : Eine Vollblut-Künstlerin vor intimer Kulisse

Nur rund 20 Zuschauer wollten Anna Mateur & The Beuys aus Dresden in der Klosterkirche sehen. Sie erlebten ein bestens aufgelegtes Duo.

Es war ein sehr intimer Abend in der Klosterkirche. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass die Tatsache, dass Remscheid zum Corona-Hotspot erklärt worden ist, dafür gesorgt hatte, dass am Mittwochabend nur knapp 20 Zuschauer zu Anna Mateur & The Beuys gekommen waren. Aber natürlich dürfte es vermutlich eher daran gelegen haben, dass die Dresdnerin, die zusammen mit ihrem Gitarristen Kim Efert angereist war, in Lennep einfach noch keinen so bekannten Namen hat.

Und an der Stelle kam dann doch wieder das Virus ins Spiel. Denn wenn jemand auf der Bühne steht, der oder die eben noch kein klassisches „Must-see“ ist, hat es derjenige zurzeit leider eben schwerer, den Saal zu füllen. Allerdings bekamen die, die den Weg in den Minoritensaal gefunden hatten, einen herrlich absurden und unglaublich witzigen Abend geboten.

Anna Maria Vogt, so der bürgerliche Name der Künstlerin, war eigensinnig, war alles andere als Mainstream-Comedy oder -Kabarett. Da war nicht viel vorhersehbar, auch wenn der erste Song des Abends ausgerechnet „Routine“ hieß. Darin prangerte sie eben diese Routine des täglichen Lebens auf herrlich larmoyante und wurschtige Art und Weise zu einem repetitiv-stoischen musikalischen Gitarren-Gerüst an. Dabei war einem eher zum Lachen als zum Weinen zumute, auch wenn das Thema an sich durchaus ernsthaft war.

Und genau das ist die große Stärke der Anna Mateur. Die Normalität, den Alltag, das Triviale zu nehmen, um es durch den Helge-Schneider-Fleischwolf des Absurden zu jagen und dann daraus ein eigenes, kleines Bonmot zu basteln, das im Publikum für beständig glucksendes Lachen und Kichern sorgte. Es waren nicht die klassischen Pointen, die zum permanenten Schenkelklopfen einluden.

Wenn sie sich etwa, mit Catwoman-Maske angetan, als Dankesrednerin eines Swinger-Clubs in der Provinz gerierte und in der Rede dem Bürgermeister, dem Landrat und den Landfrauen für das Hochhalten des erotischen Tausches im Plüsch-Ambiente dankte. Da wurde diese Rede genau im Duktus des rhetorisch nicht besonders begabten Vorsitzenden des örtlichen Kaninchenzüchtervereins gehalten, während es sich inhaltlich um „Sex mit Unbekannten“ und den „organisierten Rausch in der Pampa“ drehte.

Anna Mateur ist zudem ein äußerst vielseitiges Bühnentalent. Sie tanzte mal eben zu ihrem Gitarristen, dem sie zudem zu lauten Ton unterstellte, dann schwadronierte sie nach Herzenslust über die unterschiedlichsten Themen. Etwa den Theaterbesuch als solchen, die Garderobe, die sie dazu anzog, die Bühnendekorationen und andere verrückte Dinge, die sie da und dort schon erlebt hatte.

Und sie war auch spontan. Als im Publikum ein Husten zu vernehmen war, warf sie ein: „Ne, das war trockener Husten, kein Schleim. Aber ich bin ohnehin weit genug weg. Bis ich sterbe, sterben vier andere, die dazwischen sitzen.“ Handwerklich begabt zeigte sich die Dresdnerin auch, als sie das Mikrofon zuerst kaputtmachte, nur um es dann zu reparieren. „Das ist eine Premiere! Und es ist wichtig für diese, meine eigene Heldengeschichte.“

Und: Diese Frau konnte singen! Die große Nina Hagen kam einem in den Sinn, wenn Anna Mateur mit Kraft, Dreck und Vibrato laut über die unterschiedlichen Brotarten, kleine Katzen und ihre Verknüpfung zur Politik jubilierte.

Der Mix war dabei sehr ausgewogen: Sprache, Gesang, Tänzelei und Absurditäten hielten sich die Waage. Wobei es ein immer wieder – mal mehr, mal weniger – durchschimmerndes Thema gab: die anhaltende Corona-Pandemie. „Stellt euch mal vor, wenn ich jetzt im Publikum gewesen wäre“, sagte sie etwa augenzwinkernd, nachdem sie sich lautstark über die nicht ausreichend engagierte Teilnahme eines Zuschauers am „Haus der Geborgenheit“, das gestisch wie im Kindergarten mit den Händen über dem Kopf dargestellt werden sollte, beschwert hatte.

Und auch das könnte man als Erkenntnis aus diesem Abend mit nach Hause nehmen: Das Corona-Virus, so lästig es mit all seinen Begleiterscheinungen wohl der ganzen Welt war, war mittlerweile Teil der Inhalte des kulturellen Lebens geworden. Aber wo, wenn nicht in der Kunst, wären schlißlich Ort und Gelegenheit für die Aufarbeitung von gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen?