40 Jahre Behindertenbeirat in Remscheid

Inklusion : Am Ende zählt nur bezahlte Arbeit

40 Jahre Behindertenbeirat: Feierstunde mit Minister Karl-Josef Laumann.

Anne Leichtfuß ist Dolmetscherin. Sie sitzt bei der Feier zum 40-jährigen Bestehen des Beirats für Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen in einer der hinteren Reihen in der Klosterkirche. Gefeiert wird im Minoritensaal. Die Festreden übersetzt Anne Leichtfuß in Leichte Sprache. Über Kopfhörer verfolgen die Gäste ihre Arbeit. Aus langen Sätzen macht sie kurze. Fachbegriffe erklärt sie mit Beispielen. Das Wörtchen „nicht“ kommt bei ihr nur selten vor. Menschen mit Schwierigkeiten beim Lernen können so der Geburtstagsfeier folgen. „Pro Satz gibt es nur eine Information“, sagt Leichtfuß.

Bei NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat Anne Leichtfuß keine großen Probleme beim Übersetzen. Der CDU-Minister spricht klare Hauptsätze. Er lobt die vorbildliche Arbeit des Behindertenbeirats. Remscheid gehöre zu den Vorreitern auf diesem Gebiet in NRW. Fortschritte habe es viele in den vergangenen Jahrzehnten gegeben. „Wir sind aber in der Arbeitswelt noch nicht da, wo wir sein müssen“, sagte der Minister. Die entscheidende Frage sei für ihn: Haben die Menschen mit Behinderung am Ende des Tages eine gute Grundlage für bezahlte Erwerbsarbeit?

In diesem Punkt sieht die Realität für Menschen mit Behinderung weiterhin nicht rosig aus. Die Arbeitslosenstatistik belegt die Beobachtung des Ministers. Die Quote bei behinderten Menschen sei doppelt so hoch wie bei der normalen Bevölkerung. Trotz häufig gleicher Qualifikation. Für die Politik bedeutet dieser Befund, dass Menschen mit Handicap so früh wie möglich am normalen Leben teilhaben können. Sondersysteme sollten wo es geht  vermieden werden. Laumann forderte Menschen mit Behinderung auf, sich politisch zu engagieren. Politik für Behinderte sei nur gut, wenn sie auch von Behinderten gemacht werde.

Die Rede von Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz stellte die Simultanübersetzerin Leichtfuß vor eine größere Herausforderung. Der OB kannte viele Gäste im Saal. Er streute die eine oder andere Anekdote ein. Er beschrieb die Probleme bei Parkplätzen für Gehbehinderte. Er berichtete vom Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte. Für die inklusive Stadtplanung gelte die Haltung: „Nicht die behinderten Menschen müssen sich anpassen, wir müssen uns anpassen“, sagte der OB.

Vor 40 Jahren hielt die Stadtspitze einen Behindertenbeirat für nicht nötig. Die Beziehungen zu den Behindertenorganisationen seien optimal, hieß es. Der Hartnäckigkeit des Remscheider Bundestagsabgeordneten Gerhard Braun (CDU) ist zu verdanken, dass das Gremium gegründet wurde. Menschen mit Lernbehinderung haben kein Recht auf eine Übersetzung in Leichte Sprache. Ein Umstand, den Anne Leichtfuß gern geändert sähe.

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