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Remscheid: 20 Jahre nach dem Jet-Absturz

Remscheid : 20 Jahre nach dem Jet-Absturz

Am 8. Dezember 1988 stürzte ein amerikanisches Militärflugzeug über Remscheid ab und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Sieben Menschen starben, 50 erlitten Verletzungen, 20 Häuser wurden zerstört. Augenzeugen erinnern sich.

Ihren Haustürschlüssel hatte Erika Opitz schon in der Hand. Doch es gab keine Haustür mehr, die sie hätte aufschließen können. Es gab auch kein Haus mehr, das sie hätte betreten können. Stattdessen tat sich vor ihr eine Flammenhölle auf. Ein Schock. Erika Opitz schrie. 20 Jahre ist das jetzt her. Doch der Schrecken ist für sie heute noch so präsent wie damals.

Am 8. Dezember 1988 stürzte ein amerikanisches Kampfflugzeug vom Typ A 10 "Thunderbold II" über Remscheid ab. Der Pilot war zusammen mit einer weiteren Maschine vom Fliegerhorst Nörvenich zu einer Übungsrunde gestartet und verlor im Tiefflug im Nebel offenbar die Orientierung. Beim Absturz gegen 13.26 Uhr streifte der Jet erst das Mehrfamilienhaus der Nachbarn, dann krachte es in das Wohnhaus, in dem sich Erika Opitz kurz zuvor selbst noch befunden hatte.

Nur weil Dackel "Blasius" mal raus wollte, hatte die damals 54-jährige Hausfrau einen Spaziergang gemacht. Der rettete ihr das Leben. Als sie zurückkehrte, war nichts mehr, wie es einmal war. Eine Nachbarin, die sie wenige Minuten zuvor gesehen hatte, war verbrannt. Zwei Handwerker, mit denen sie wenige Minuten zuvor noch gesprochen hatte -­ verbrannt. Eine Frau und sechs Männer starben, darunter der Pilot. 50 Menschen erlitten Verletzungen. 20 Häuser an der Stockder Straße wurden auch von umherfliegenden Trümmern teilweise völlig zerstört. Ein Bild wie im Krieg, sollten Augenzeugen später erzählen.

Der 8. Dezember 1988 war ein nebliger Tag. Die Sicht war schlecht. Das weiß Dietmar Blaum deswegen noch so genau, weil sich dem Remscheider Feuerwehrmann das Ausmaß des Unglücks erst nach und nach eröffnete. Als er und seine Kollegen ausrückten, stand noch nicht fest, was geschehen war. Blaum gehörte zum Angriffstrupp und damit zu den ersten, die am Unglücksort eintrafen.

Ein brennender Postwagen mit einem schwer verletzten Fahrer ließ die Einsatzkräfte zunächst an eine Bombe denken, die in dem Auto hochgegangen sein musste. Doch als sich die Feuerwehrleute durch Nebel und Rauch zu den brennenden Häusern vorkämpften, explodierte neben ihnen immer wieder Munition. Hier musste noch Schlimmeres passiert sein.

Die Männer gingen in die Häuser, suchten nach Überlebenden. Blaum erinnert sich noch an den Augenblick des Staunens, als ihm klar wurde, dass in einem Gebäude die Fassade fehlte. "Es war plötzlich so hell." In einem anderen Haus fanden die Einsatzkräfte das Fahrwerk des Flugzeugs. Das brachte ihnen die Gewissheit: Eine Militär-Maschine war abgestürzt. Katastrophenalarm.

Rund 1000 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei, von Hilfsorganisationen und US-Armee waren tagelang im Einsatz, um die Flammen zu löschen, Spuren zu sichern und Trümmer wegzuräumen. Die beiden am stärksten zerstörten Gebäude mussten am nächsten Tag wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Mittlerweile stehen dort wieder neue Mehrfamilienhäuser.

Doch die Angst blieb. Haut- und Krebserkrankungen bei Anwohnern ließen den Verdacht aufkommen, dass das Flugzeug eventuell uranhaltige, also radioaktive Munition geladen haben könnte. Doch laut US-Armee hatte der Kampfjet lediglich Übungsgeschosse an Bord. Auch über eine durch den Absturz erhöhte PCB-Konzentration wurde spekuliert. Themen, die Remscheid noch bis über die Jahrtausendwende hinaus beschäftigen sollten. Doch Bodenproben und Befragungen der Anwohner bestätigten die Befürchtungen nicht.

Gleichwohl ist die Skepsis bei vielen Überlebenden immer noch da. Fast alle zogen weg aus der Stockder Straße. Bis auf Erika Opitz (74) und Ehemann Heinz (78), der zum Zeitpunkt des Unglücks beruflich in Dortmund war. Der Familie standen wohl gleich mehrere Schutzengel zur Seite: Tochter und Enkelin wohnten ebenfalls in der Stockder Straße, gleich nebenan. Auch sie überlebten, weil sie außer Haus waren.

In dieses Haus zogen die Eheleute später wieder ein. "Warum sollten wir hier weggehen? Wir gehörten hierher, kannten Gott und die Welt", sagt Heinz Opitz. Die Familie musste sich eine neue Existenz aufbauen. Für ihren Besitz, der in den Flammen aufgegangen war, erhielt sie einen finanziellen Ausgleich. Manches blieb unersetzbar. "Wir haben keine Bilder mehr von unserer Hochzeit", erzählt Heinz Opitz. Eigentlich sei es so, "dass wir nur noch eine halbe Vergangenheit haben".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Kampfjet-Absturz von Remscheid

(RP)