Heiligenhaus: Zur schönen Aussicht

Heiligenhaus: Zur schönen Aussicht

Wohin zieht es uns, wenn wir in der Stadt unterwegs sind? Immer dahin, wo es leckeren Kaffee und Kuchen gibt. Im Bistro Waschküche, direkt über der neuen Waschstraße am Panoramaradweg, wird selbst gebacken und täglich frisch zu Mittag gekocht. Ein Besuch.

Diese Waschstraße will aber auch keines der gängigen Klischees erfüllen. Erstens ist sie kein schnöder, trauriger, wellblecherner Zweckbau, wie man ihn allzu häufig an großen Straßen und in Industriegebieten antrifft. Zweitens beherbergt der nigelnagelneue Komplex aus eigenwillig geordneten, streng rechtwinkeligen Formen im Obergeschoss auch noch ein adrettes Bistro auf zwei Ebenen: In dem mittelmeerblau gestrichenen obersten Quader gibt es Fensterplätze für sechs, auf der angeschlossenen Dachterrasse mit Holzboden und Sonnenschirmen ist Platz für rund 50 Personen.

Nun kann man ja heute eigentlich an jeder Tankstelle Kaffee trinken und belegte Brötchen kaufen. Wer jetzt an Automaten, Plastikbecher mit viel zu dünnen Lauwarmgetränken und schlabbriges Backwerk mit viel zu viel Butter oder Mayonnaise denkt, wird in der Waschküche schnell eines Besseren belehrt. Harald und Ingrid Adam wachen nämlich darüber, dass die Qualität stimmt – und in Tassen und auf Tellern serviert wird. Auf den Tischen stehen sogar echte Blumen. Aber was gibt es hier denn eigentlich Gutes, genossen bei schöner Aussicht Richtung Isenbügel und Kettwig, mit der Abtsküche zu Füßen?

Zum Beispiel Frühstück mit Kaffee in drei Varianten (von 3,60 bis 4,20 Euro) mit frischen Brötchen und Eierspeise nach Wahl: gekocht, gerührt oder mit Spiegel. Tasse Kaffee oder Espresso zusätzlich für je 1,30 Euro. Wird alles einwandfrei serviert, bestätigen die beiden Heiligenhauser Anja und Udo, die bereits zum zweiten Mal hier sind – mit dem Fahrrad, denn der neue Panoramaradweg führt ja direkt an dem Waschkomplex vorbei. "Toll, wie Urlaub", schwärmen die beiden, die schon am nächsten Tag wiederkommen wollen – aus Überzeugung gleich noch mit einem dritten Tischgenossen, erzählt Anja. Die beiden sind hin und weg von den neuen Freizeitangeboten vor ihrer Haustür. Vielleicht kommen sie demnächst auch mal zum Mittagessen.

Dann gibt es, ha, doch tatsächlich mal die volle Klischeeplatte: Currywurst mit Pommes, Wiener Schnitzel, Jägerschnitzel, Zigeunerschnitzel, Bratwürste und Frikadellen. Aber alles frisch gemacht, sagen die Adams, die außerdem täglich ein anderes Mittagsgericht in ihrer Bistroküche zubereiten. "Mein Mann steht gerade in der Küche und kocht Gulasch mit Nudeln, die Portion für für 4,50 Euro", sagt Ingrid Adam. Tags zuvor gab es Gemüseauflauf mit gemischtem Salat, am heutigen Freitag steht Seelachsfilet im Salatbett auf dem Speiseplan, für 5,10 Euro. Klingt verlockend, doch habe sich der große Ansturm bisher noch nicht so recht eingestellt, ziehen die Adams nach gerade einmal drei Wochen Bilanz. Tageweise ging es hoch her, dann blieb es flau, obwohl auch selbst gebackener Kuchen lockt, zuletzt Erdbeer-Rahm und Johannisbeer-Quark, alles auch zum Mitnehmen. Hier und da kämen schon mal Mitarbeiter aus naheliegenden Firmen zum Mittagessen. Ein kleiner Stammkundenkreis schaue nahezu täglich vorbei. Jetzt verteilt das Wirtspaar Faltblätter, um mehr Heiligenhauser auf die neue Futterquelle aufmerksam zu machen.

Damit die Dachterrasse auch bei schlechterem Wetter genutzt werden kann, wollen die Adams einen Teil davon überdachen. Und das ganz am Ende liegende, derzeit noch ungenutzte Terrassenstück soll bald mit Sand, Grünpflanzen und Liegestühlen noch mehr Urlaubsatmosphäre schaffen. Heiligenhauser Strand, gleich über einer Autowaschstraße? Klingt verrückt. Kriegt man mit ein bisschen Fantasie aber hin.

(RP)