Ratingen: Wie St. Peter und Paul den Krieg überstand

Ratingen : Wie St. Peter und Paul den Krieg überstand

1945, kurz vor Kriegsende, waren die Gläubigen in der Innenstadt entsetzt: Das Langhaus von St. Peter und Paul (Verbindung vom großen Turm Richtung Osten) war beim Angriff auf die Stadt weggebombt worden, die Säulen ragten mit zerstörten Kapitellen gen Himmel.

Nicht mal zwei Monate vor Kriegsende war die Kirche in Teilen einem Luftangriff zum Opfer gefallen. Doch ihre ältesten Gebäudeteile waren weitgehend erhalten geblieben - der große Westturm, der im 13. Jahrhundert errichtet worden war und noch heute mit seinen romanischen Elementen auf den Markt schaut, und die beiden kleineren Türme, die noch einmal ein Jahrhundert älter sind und die an der Seite zur Oberstraße (Südturm), und an der Kirchgasse stehen. Wobei der Südturm bereits vor dem großen Angriff auf Ratingen zerschossen worden war.

Hans Müskens, dem ein städtisches, mehr noch gemeindegeschichtlich präzises Gedächtnis zu eigen ist, weiß vieles aus eigener Erinnerung zu vermitteln. Er kennt aber auch die Aufzeichnungen aus jener Zeit und weiß sie unterhaltsam zu vermitteln, zuletzt bei einer Führung rund um St. Peter und Paul und mittendrin. Es gibt eine nun im Pfarrarchiv gehütete Schrift des Historikers Heinz Büter, die er 1948 dem damaligen Pastor Cremer zu dessen silbernem Priesterjubiläum gewidmet hat und die fast minutiös Zerstörung und Wiederaufbau von St. Peter und Paul festhält. Anrührend die Geschichten, wer wann und wie Feuer gelöscht, Brandnester aufgespürt und vernichtet hat, wer wem half und wie welches Material beschaffte.

Immerhin präsentierte sich die Kirche schon ein Jahr nach der Zerstörung wieder komplett. Während der Aufbauarbeiten waren nahezu durchgängig Gottesdienste abgehalten worden - die noch verwendbaren Baumaterialien hatten fleißige Helfer aus dem Schutt aussortiert und auf Halde gelegt. Die Liste der Helfer ist ein Who's Who der angesehenen Ratinger. Wer nicht im Krieg war, in Gefangenschaft oder krank - der kümmerte sich um die Kirche und ihren Fortbestand.

Das zerstörte Dach bekam einen metallenen Dachstuhl, wurde erst mit Zink gedeckt und später wieder mit Schieferschindeln. Ersetzte Säulen waren dann mal nicht aus sorgfältig gestapeltem Stein, sondern aus Betonsteinen, denen Fugen aufgemalt wurden. Die bunten Scheiben der Fenster ersetzte man erst mal durch klares Glas.

Bürgersinn und Spendenfreudigkeit bringen - und brachten schon vor dem Krieg - mancherlei kirchliches Schmuckwerk, das den jeweilig amtierenden Pastören nicht immer zusagte. So versuchte Pastor Franz Rath, seit 1952 im Amt, den Aufbau des neugotischen Hochaltars zu verbannen - weil er für eine eher einfache Kirchengestaltung eintrat und weil ansonsten das hölzerne Schnitzwerk die neuen Glasfenster im Chor verdeckte. Seiner Begeisterung fürs Schmucklose bot das Erzbistum Einhalt - edle Spender sollten nicht verprellt werden.

Man möge bedenken, dass damals der Chor und sein Gewölbe noch mit einem Potpourri in Blau, Gelb, Grün und Gold, ornamental und mit Figuren, aufs üppigste ausgemalt gewesen war. Es tat Pastor Rath wahrscheinlich nicht leid, dass dann Feuchtigkeit ins Gewölbe drang, die farbenfrohe Pracht auflöste und stückchenweise auf Menschen und Kirchenmobiliar herab blättern ließ. 1953 wurde die Kirche einfarbig und hell gestrichen. Die Kanzel wurde von links nach rechts versetzt. Jetzt gibt es sie zwar noch, aber abgekanzelt oder streng gepredigt wird nicht mehr, sondern eher auf Augenhöhe gesprochen.

Auch seine Sorge um die Schäfchen und die Freude am neuen Gestalten führten Pastor Rath unter anderem zu einer neuen Kirche in Ratingen Süd. Er schrieb 1953 stolz an das Provinzialat der Minoriten: "Hätten Sie kein Interesse, in Ratingen, an der Pforte zum Ruhrgebiet, wieder Wurzel zu fassen? Ich baue zur Zeit eine neue Kirche in Ratingen. Hier wird nach Abtrennung von der Mutterpfarrei eine Gemeinde von 3000 Seelen entstehen. Das Pfarrhaus ist bereits fertig. Es könnten dort drei Herren wohnen. Sollten Sie interessiert sein, bitte, schreiben Sie mir." Es bestand Interesse, und die Minoriten kamen wieder nach Ratingen.

Auch anderen geistlichen Chefs wurde bauliche Begeisterung abgetrotzt: Pastor Theo Schmidt, der von 1970 bis 1982 Chef in St. Peter und Paul war, ließ die Heizung einbauen, die den Gottesdienst-Besuchern endlich warme Füße bescherte. Bei diesen Bauarbeiten wurden unter dem Westturm die Fundamente der Säulen wieder freigelegt, als der aufgeschüttete Fußboden sein ursprüngliches, mittelalterliches Niveau zurückbekam.

Mal wurde eine mit Teppich bezogene Stufe rund um den Hochaltar gebaut, weil Prälat Frings sonst nicht an den Tabernakel herangereicht hätte, dann wieder kamen die Stufen weg, weil der Pastor groß genug war. Pastor Schmidt schaffte den Mittelgang ab, Pastor Oermann wiederum ist die Aufstellung der Bänke mit neuem Mittelgang zu verdanken.

Früher gab es auch noch eine Vielzahl - man schreibt von sechs bis neun - kleiner Altäre ringsum. Kurz: Die Kirche war zeitweise ziemlich überladen dekoriert, voll und bunt. Den jüngsten Abbau gab es, als Pastor Daniel Schilling den kreisförmigen Leuchter über der Altarinsel entfernen ließ.

Inzwischen präsentiert sich die Pfarrkirche St. Peter und Paul zwar nicht wirklich nüchtern, aber eher zu ihren Anfängen passend, als in manchem Jahrhundert zuvor.

(RP)
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