Ratingen: Wer war Agnes Miegel?

Ratingen: Wer war Agnes Miegel?

Die Anwohner wehren sich vehement gegen die geplante Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße in Homberg. Sie berufen sich dabei auch auf Quellen, die die Hitler-Verehrerin Miegel als "weitgehend unpolitisch" entlasten wollen – zweifelhafte Quellen, wie die Stadt recherchiert hat.

Eine späte Diskussion holt Ratingen ein: Sollen die Agnes-Miegel-Straße und die Hermann-Stehr-Straße in Homberg umbenannt werden? Seit den 70er Jahren tragen die Straßen diese Namen. Mehr als 40 Jahre nach der – damals offenbar unumstrittenen – Namensgebung drängt die Stadt auf Änderung.

"Das ist doch 70 Jahre her": Anwohner der Miegel-Straße und der Stehr-Straße protestierten im Bezirksausschuss gegen die Umbenennungspläne. rp-aF: blazy Foto: Blazy, Achim

Ihre Gründe im Fall Miegel: Die Balladendichterin, 1879 in Königsberg geboren, glorifizierte Adolf Hitler. Sie war eine von den Nationalsozialisten mit Ehrungen überschüttete Autorin, die sich dafür immer wieder öffentlich mit propagandistischen Texten zum NS-Staat revanchierte. Ihre Dichtkunst stellte die bekennende Nationalsozialistin – "ich traue auf Gott und den Führer" schrieb sie 1939 – in den Dienst der Kriegspolitik, appellierte an die Opferbereitschaft der Jugend: "Und wir sehn Dich, Jugend, uns herrlich vorangehn! / Wagend den frühen Kampf, – die einen im Felde, /Knaben, gefallener Brüder Antlitz tragend, / Junge Saat, gestreut in die Furchen der Erde, (...)."

"Mutter der Ostdeutschen"

Die Ostpreußin Miegel galt und gilt – deswegen die vielen, aus heutiger Sicht fahrlässigen Straßenbenennungen zur Erinnerung an kriegsbedingt eingebüßte Gebiete – als "Mutter der Ostdeutschen",weil sie die Heimatgefühle und Besonderheiten der Gebiete rund um Königsberg, wo sie bekannt ist und als Ehrenbürgerin verehrt wird, in Verse goss. Erster Ruhm für die einzige Tochter eines Kaufmanns kam in den 20ern. 1945 wurde sie vertrieben und tauchte zunächst in einem dänischen Lager unter, bevor sie sich im niedersächsischen Bad Nenndorf niederließ. Dort sitzt auch die Agnes-Miegel-Gesellschaft, die ein Düsseldorfer Oberschulrat 1969 ins Leben rief. Düsseldorf hat seine Agnes-Miegel-Realschule Ende 2008 umbenannt.

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Die Miegel-Gesellschaft bündelt die Verehrer – und die verharmlosen die andere, vermeintlich nur unter politischem Druck zutage getretene Seite der gefeierten Balladendichterin, die Hymnen "An den Führer", an Hitler-Deutschland und die "Reichfrauenführerin" verfasste, 1937 in die NS-Frauenschaft und 1940 in die NSDAP eintrat. Detlef Suhr, Mitglied der Agnes-Miegel-Gesellschaft und Anwohner der Agnes-Miegel-Straße im niedersächsischen Edewecht, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Anwohnern von Miegel-Straßen und -plätzen, für die Umbenennungen vorgesehen sind, verharmlosende Texte über Miegel zuzusenden. Auch die detaillierte Quellensammlung, mit der die Anwohner der Ratinger Agnes-Miegel-Straße bei Bürgermeister Harald Birkenkamp schriftlich gegen die Umbenennung protestierten, weil "die Argumente für eine Umbenennung offensichtlich für niemanden mehr nachvollziehbar sind", trägt den Vermerk "Zusammenstellung: Detlef Suhr".

Diese Sammlung enthält neben anderen auch einen Verweis auf Marianne Kopp, der Vorsitzenden der Agnes-Miegel-Gesellschaft, die als "die vielleicht bedeutendste Autorität in Sachen Agnes Miegel" bezeichnet wird – und an einem Gutachten mitgearbeitet hat, das Agnes Miegel als naiv und unpolitisch ausweist und ihre Rolle im Nationalsozialismus relativiert. Verwiesen wird auch auf die von Kopp herausgegebene Aufsatzsammlung "Agnes Miegel. Ihr Leben, Denken und Dichten von der Kaiserzeit bis zur NS-Zeit" – die der Ardey-Verlag in Münster allerdings Ende 2012 nach nur einer Woche wieder vom Markt genommen hat.

Was ebenfalls nicht in der von den Anwohnern weitergereichten Sammlung steht: Marianne Kopp hat – darauf verwies auch Dezernent Tratzig am Dienstag im Bezirksausschuss – für den 1963 gegründeten Verein Collegium Humanum gearbeitet, der 2008 von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble als rechtsextreme Organisation verboten wurde. Das Collegium Humanum unterhielt im ostwestfälischen Vlotho eine Bildungsstätte, die von Rechtsextremen genutzt wird. Der Verein galt als Anlaufstelle von Holocaust-Leugnern. Tratzig sagte im Ausschuss: "Rechnen Sie damit, dass Neonazis Ratingen interessanter finden als bisher, wenn der Name Agnes-Miegel-Straße bleibt."

Ausführliche Informationen mit vielen Originalzitaten zu den Verstrickungen von Miegel und Stehr gibt es im Internet unter www.muenster.de/stadt/strassennamen; die Beschlussvorlage der Stadtverwaltung Ratingen (Nr. 77/2012) gibt es unter http://ris.ratingen.de/ unter dem Abschnitt "Vorlagen."

(RP)
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