Heiligenhaus: Vorleser verwandeln Stadt in Literaturmeile

Heiligenhaus : Vorleser verwandeln Stadt in Literaturmeile

Mitglieder und Freunde des Kunstquadrates haben sich mitten in der City postiert und Passanten diverse Texte vorgetragen.

Jedem dritten Kind in Deutschland wird nicht vorgelesen. Wie hoch diese Zahl bei Erwachsenen liegt, sagt zwar keine Studie, doch dass die Begeisterung dafür, dass einem vorgelesen wird, mit den Jahren nicht verloren geht, wurde jetzt deutlich. Es war der elfte bundesweite Vorlesetag, der an jedem dritten Freitag im November stattfindet, und wer nachmittags durch die Stadt ging, dem wurde höchstwahrscheinlich vorgelesen. Diesen Tag haben nämlich auch Mitglieder und Freunde des Kunstquadrates zum Anlass genommen, Menschen dort vorzulesen, wo sie es nicht erwarten - im tiefsten Alltag.

An diversen öffentlichen Heiligenhauser Plätzen haben sie den vorbeieilenden Passanten ihre Texte entgegen gelesen, und sich anschließend - natürlich vorlesend - bei einem Kaffee wieder aufgewärmt. "Der Vorlesetag sollte mehr sein als nur Profilierungsplattform für Politiker und Prominente, die sich vorlesend mit Buch in der Hand in einer Kinderschar ablichten lassen. Es sollte Werbung sein für das Vorlesen", sagt Kunstquadrat-Mitglied Armin Schmidt, der an diesem Tag auch eigene Texte vortrug. Geboren wurde diese Idee im vergangenen Jahr, "ganz spontan haben Thomas Pischke und ich uns zum Vorlesen getroffen", erinnert sich Kunstquadrat-Gründungsmitglied Armin Schmidt. "Und wir haben dann zum Beispiel auch im Supermarkt Etiketten der Waren vorgelesen, also Konsumlyrik."

Im Alten Pastorat stellte die Gruppe bereits aus. Foto: A. Blazy

Anecken will das Künstlerkollektiv und überrascht immer wieder mit spannenden Aktionen. Ihre Ausstellung im alten Pastorat hat sich zum Publikumsmagneten gemausert. Aktionen wie Kunst an der Gabionenwand oder der Vorlesetag sollen die Heiligenhauser dort treffen, wo sie sonst keine Kunst erwarten. Begonnen haben sie die Leseaktion am Freitag dort, wo das Lesen bereits einen festen Platz im städtischen Alltag bekommen hat, am stets gut gefüllten Bücherschrank auf dem Plateau des Basildonplatzes. Zwischen lärmendem Straßen- und Parkverkehr und den Gesprächen der Passanten las auch Lore Loock eigene Texte vor. "Bei uns sind Bücher schon seit vielen Generationen eine wichtige Tradition", erzählt sie. Und das wünscht sie sich auch für andere Kinder. Dass das aber leider nicht überall so sei, hat Nina Stark festgestellt, sie arbeitet im Club und weiß: "Viele Eltern setzen ihre Kinder lieber vor den Fernseher." Doch da entfalle das Persönliche, was das Vorlesen ausmache, "Eltern wollen und können, zum Beispiel wegen beruflicher Eingespanntheit, immer weniger vorlesen. Das ist schade".

Die Kunstquadratler wollen sich mit der Aktion nur als Impulsgeber sehen. "Im nächsten Jahr wollen wir Vorlesehauptstadt werden", erklärt Armin Schmidt das Ziel für das nächste Jahr. Die Einladung geht dabei an alle, die Spaß und Freude am Vorlesen haben, "Hauptsache, man hat Spaß daran, man muss es nicht besonders gut können. Aber wenn ich vorlese, dann fühle ich mich gut dabei", so Schmidt. Aber auch die Zuhörer sind eingeladen. "Vielleicht haben wir im nächsten Jahr eine ganze Straße voll mit Vorlesern und Zuhörern?"

(sade)
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