Heiligenhaus: Theater ohne Grenzen bei der Biennale

Heiligenhaus : Theater ohne Grenzen bei der Biennale

"So etwas hat die Stadt noch nicht erlebt", schwärmen die Besucher der Inszenierung auf dem Basildonplatz.

Blutrot versank die Sonne und bunte Strahler tauchten Samstagnacht das zur Bühne umfunktionierte Parkareal auf dem Basildonplatz in magisches Licht. Eine junge Dame entlockte ihrer Violine romantische Melodien. Bald drehten sich heitere Paare beschwingt im Walzertakt. Zwei verwilderte Burschen störten durch schlagkräftige Attacken die Harmonie, ein erster Hinweis auf den Gegensatz von Gut und Böse. Plötzlich ein Schrei: eine Tänzerin bedeckte verzweifelt ihr Gesicht — wie von Geisterhand verlöscht ihr Augenlicht. Nach und nach erblindeten alle bis auf die Frau im roten Kleid. So begann ein geniales schauspielerisches Szenario, Freilufttheater der Extraklasse.

Die gewaltbereiten Blinden unterdrücken und demütigen die Schwachen – und die Schauspieler gehen an die Grenzen des Machbaren. Foto: Blazy, Achim (abz)

Im Rahmen der Neanderland Biennale zeigte das Theater KTO aus der polnischen Kulturmetropole Krakau nonverbal (ohne Sprache) im Stück "Die Blinden, ohne Herz ohne Augenlicht" eine erschreckende Gesellschaftskritik der besonderen Art. Inspiriert durch den Bestseller-Roman "Die Stadt der Blinden" des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago hat Regisseur Jerzy Zon eine tiefgründige Choreographie entwickelt. In unter die Haut gehenden, expressiven Bildern und der dazu passenden Musik von sakralen Gesängen bis zu romantischen und dramatischen Melodien internationaler Kompositionen wurde Blindheit zur Metapher für die Unfähigkeit des Menschen, Gut und Böse zu unterscheiden.

Der wie eine Epidemie hereinbrechende Verlust des Augenlichtes Unzähliger löst bei den Regierenden Panik aus. Alle Erkrankten werden in ein ehemaliges Irrenhaus eingesperrt, dargestellt durch ineinander und übereinander installierte fahrbare Metallbetten. Auf und mit ihnen spielt der Hauptteil. In einer überreizten Atmosphäre lösen kleine Anlässe erbitterten Streit unter den dahinvegetierenden Kranken aus. Die Gewaltbereiten unterdrücken und demütigen die Schwachen, Vergewaltigungen und Diebstähle häufen sich. In dramatischen Kämpfen verschränkter Leiber und verzweifelten Schreien gehen die Schauspieler im großartigen Komödiantentum bis an die Grenzen des Machbaren. Gleich einer Apokalypse wird Gewalt zum mystischen Geschehen. In einer Mischung aus Tanztheater, Akrobatik und grandioser Körpersprache entsteht das Sinnbild einer zunehmend verrohenden Gesellschaft. Zum Schluss kehrt die Sehkraft zurück. Diese bitterböse Parabel war ein Glanzstück.

(ror)
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