Ratingen: Tag der Poesie: Autorinnen stellen sich vor

Ratingen : Tag der Poesie: Autorinnen stellen sich vor

Waltraud Lübke liest aus "Dschungel des Lebens"

Seit mehr als 15 Jahren wird am 21. März weltweit die Lyrik gefeiert, am "Welttag der Poesie". Auch im Kreis Mettmann pulsieren poetische Adern: Ulla Hahn, Barbara Ming, Petra Postert und Waltraud Lübke sprechen über eine Kunstform, die ganz und gar nicht tot ist. Natalie Urbig hat sie besucht.

Wer schon einmal versucht hat, Waltraud Lübke telefonisch zu erreichen, der hat sicher schon Bekanntschaft mit ihrem Anrufbeantworter gemacht. "Ein Gespräch wäre nett, aber ich liege noch im Bett", verkündet er derzeit. Immer wieder lässt sich die 72-Jährige neue Verse einfallen: "Einmal hat mich jemand angerufen und aufgelegt, weil er so lachen musste", erzählt sie. Doch ist das Besprechen des Anrufbeantworters nur ein kleiner Teil ihrer kreativen Seite: Waltraud Lübke malt und häkelt, interessiert sich für die Sütterlinschrift und singt im Gospelchor.

Vor allem aber schreibt sie: Erzählungen, Kriminalgeschichten, Gedichte. "Poesie hat für mich einen großen Stellenwert", sagt sie, "Emotionen finden darin ihren Ausdruck." Waltraud Lübke wuchs in Westberlin auf, 1972 zog sie nach Haan. Zur Schriftstellerin wurde sie im Erwachsenenalter - " ich begann, als ich die Zeit dafür hatte." Innerhalb von einem Jahr stellte sie ihren ersten Lyrikband zusammen, den "Dschungel des Lebens", der 1997 im Verlag "Die blaue Eule" veröffentlicht wurde. "Ich habe mir darin die Seele freigeschrieben", sagt Lübke.

Wolf Allihn liest sein Gedicht "Buntspecht"

Entstanden ist ein Potpourri des Lebens: Humorvolle Gedichte wechseln sich darin mit Strophen über Liebe, Trennungen und Sinnfragen ab. Es folgten Bücher, die von Schicksalen und eigenen Erfahrungen handeln. "Ich bin eine Bauchschreiberin", sagt Lübke. Sie verarbeite einfach, was in ihr sei. Die Gartenstadt Haan wurde auch schon zum Schauplatz ihrer Kriminalgeschichten, die sie unter dem verheißungsvollen Titel "Viele Schatten liegen über Haan" veröffentlicht hat.

Sie schreibt Romane und Erzählungen für Kinder

Petra Postert liest aus "Piratenschwestern"

"Das Besondere an der Lyrik", sagt Petra Postert, "ist, dass jedes Wort wie auf einem Präsentierteller steht. Ein Roman verzeiht, wenn ein Satz nicht geglückt ist, aber in der Lyrik hört man jeden falschen Ton." Petra Postert wohnt in Mettmann und schreibt für gewöhnlich Prosa. Drei Kinderbücher hat sie im Tulpian Verlag schon veröffentlicht, ein viertes ist in Arbeit. Darüber hinaus verfasst sie Kindergeschichten für das Radio. Die gebürtige Stuttgarterin arbeitete als Redakteurin und Autorin für den SWR-Hörfunk. "Das literarische Schreiben kam irgendwann zu mir", erzählt sie .

Während sie für das Radio zunächst kurze, nachrichtliche Beiträge verfasste,wandte sie sich immer mehr längeren Beiträgen zu: "Ich wollte einmal so erzählen können, wie ich es gerne möchte." Und sie nutzte die Gelegenheit: Als die Nächte nach der Geburt ihrer Kinder wieder ruhiger wurden, begann sie zu schreiben. Auch in ihren Prosatexten ist die 46-Jährige eine Freundin von Verknappungen: "Die Lyrik ist noch einmal die Reinform dessen", sagt sie, "in wenigen Worten können darin ganze Welten gefasst werden." In Berührung kam sie das erste Mal mit der lyrischen Form, als sie für das Kantorat Mettmann ein Weihnachtsmusical textete: Während sich bei Prosatexten ein Schreibfluss einstellt, sei das Schreiben eines Gedichts wie das Arbeiten in einer Werkstatt.

Barbara Ming liest aus "Kaffeesätze"

"An jedem Wort wird gefeilt", sagt die Kinderbuchautorin. Dass das Bedürfnis nach Lyrik auch heute noch da ist, zeige sich zum Beispiel in der Musik: "Wir haben so viele Songpoeten. Vielleicht ist das eine Form der modernen Poesie."

Ihre Gedichte entstehen zuerst auf dem Papier

Die in Monheim aufgewachsene Ulla Hahn ist eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart. In der Stadt am Rhein ist sie auch das erste Mal mit der Poesie in Berührung gekommen. Gut erinnert sich die heute 70-Jährige daran, wie sie tagelang das Kindergebet "Ich bin klein/mein Herz ist rein" vor sich herplapperte. "Und die Großmutter dachte, ich sei so fromm, und ich kriegte so viele Bonbons wie noch nie. Bis ich dann "Hänschen klein" kennenlernte. Da war es mit dem Jesulein vorbei und leider auch mit den Bonbons." Die Poesie hat für Ulla Hahn nie an Bedeutung verloren. Sie ist "Seelentrost und (Über)Lebensmittel in allen Lebenslagen." Jeden Einfall hält sie auf einem Zettel fest, manchmal auch mit dem Smartphone. Ihre Gedichte schreibt sie zunächst auf Papier, ehe sie in den PC getippt werden. Dass Lyrik auch heute noch aktuell ist, sieht Ulla Hahn vor allem daran, dass die traditionellen Lyrikformen durch Rap und Poetry Slams erweitert wurden. "Gedichte sind längst nicht mehr nur etwas für die ,gehobenen Stände'. Wichtig ist vor allem ein unbefangener Umgang mit Gedichten". Lesern rät sie: "Wenn Ihnen ein Gedicht nichts sagt: liegen lassen. Aber eine zweite Chance hat es verdient; wenn Sie sich ändern, ändert sich auch Ihr Blick auf das Gedicht ", sagt sie, und fügt hinzu: "Zum Welttag der Poesie passen die vier Verse von Joseph von Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort." Denn: "Lesen und Schreiben von Gedichten heißt immer auch: das Zauberwort suchen."

Als Jugendliche hat sie angefangen zu texten

Dass es einen Welttag der Poesie gibt, wusste Barbara Ming bisher nicht, doch findet sie die Idee "sehr schön", besonders da Lyrik wieder mehr in den Mittelpunkt des kulturellen Geschehens rücke: "Man sieht es zum Beispiel an den Poetry Slams", sagt sie. In diesen Wettbewerben tragen junge Autoren ihre selbstverfassten lyrischen Texte vor. Die Literaturform sei keineswegs aus der Mode gekommen, aber: "Gute Dichter sind selten, man sucht sie wie eine Perle und es ist eine große Freude, wenn man einen gefunden hat." Barbara Ming kann selbst auf zahlreiche Veröffentlichungen zurückblicken: Sie schreibt sowohl Prosa als auch Gedichte. Ihren ersten Text veröffentlichte sie mit 17 Jahren in einer Kirchenzeitung. "Seitdem habe ich immer weiter geschrieben", erzählt die Autorin. Für ihre Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Förderpreis für Literatur der Stadt Düsseldorf. Außerdem leitet sie den Literaturkreis Erkrath-Ratingen, kurz ERA, eine Autorengruppe, die alle zwei Jahre eine Anthologie herausgibt und Lesungen organisiert. Obwohl Barbara Ming schon seit vielen Jahren schreibt, hat sie in ihren Gedichten keinen Wandel bemerkt: Dem Reimzwang habe sie sich noch nie hingegeben und immer schon habe sie kürzere Gedichte bevorzugt. "Poesie ist eine verdichtete Form, die Denkanstöße gibt", sagt sie. In ihrem Dichterstübchen schreibt Ming derzeit an einem neuen Buch: "Verlängerte Rotzeit". Der Name leitet sich aus dem Straßenverkehr ab. "In verlängerten Rotzeiten, hat man unerwartet mehr Zeit, um einmal gründlich nachzudenken", erklärt sie.

(RP)
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