Ratingen: Superschnelle Seitenhiebe

Ratingen: Superschnelle Seitenhiebe

Mit seinem Programm "Grün vor Neid" gastierte Horst Schroth im ausverkauften Stadttheater. Die Gäste mussten sich angesichts der Schnelligkeit des Vortrags stark konzentrieren.

Horst Schroth, der kleine wortgewaltige Herr – immer agil, immer fein gekleidet – gehört zu den Großen der Kabarett-Szene, und folglich war das Stadttheater wieder ausverkauft. Doch allem Anschein nach hatte er es diesmal sehr eilig, von Ratingen wieder weg zu kommen, sonst hätte er sich für seine funkensprühenden, komischen und lebenswahren Ausführungen üben den Neid etwas mehr Zeit gelassen.

Er hatte keinerlei Mühe, eine Unmenge von unwiderlegbaren Erkenntnissen zu einem menschlichen Urverhalten in Höchstgeschwindigkeit ohne Stolpern vorzutragen. Seine Zuhörer jedoch mussten zwei Stunden lang ihre Auffassungsgabe auf höchste Konzentrationsstufe regeln, um all die wunderbar vertrauten Erinnerungen, die verstörenden Alltagserlebnisse und die bissigen Seitenhiebe mitzubekommen.

Für die Teilnahme am Worldcup im Schnellsprechen hätte schon allein die Vorstellung der Neidspirale von Frauen, angefangen beim Besitz einer Bulgari-Uhr, genügt. Wer die hat, möchte eine ganze Sammlung, der Schatz verlangt nach einem schützenden Tresor, die nächste Stufe wäre die Villa an der Elbchaussee. Wer die supertolle Villa hat, wünscht sich den superreichen und ansehnlichen Ehemann, doch es bleibt der Neid auf die Feriendomizile in San Francisco, auf Hawaii und Tahiti. Was dann noch fehlt, ist die Privatinsel in der Karibik, und wer das alles hat, trifft dann eine Frau, die von ihrer persönlichen Bekanntschaft mit dem Dalai Lama schwärmt, der all diese irdischen Güter nicht braucht. Nach diesem Gipfelsturm wäre es schön gewesen, wenn etwa die Erinnerungen an die 50er Jahre in ruhigerem Fahrwasser dahergekommen wären, ehe dem Publikum das Steuerthema um die Ohren flog und in die pfiffige Idee mündete, dass man Steuergeldverschwendung ebenso hart bestrafen sollte wie Steuerhinterziehung.

Abgesehen von der kleinen Temposünde schloss sich Schroths Programm "Grün vor Neid" mit Geist und Spaß an vorangegangene Themenabende an und bekam satten Beifall. Eine Testamentseröffnung und der Eklat mit einer angeheirateten Nichte bildeten die Rahmenhandlung für ein Bündel fulminanter Schilderungen aus der Neid-Kiste. Kindergeburtstage, Klamotten, Autos, Berufe und Geld bekamen ihren Neidfaktor von 0 bis 10 zugewiesen. Dazwischen funkelten aktuelle und historische Gesellschaftsthemen. Gekonnt waren auch die Ausflüge in die englische, uns heute oft wie selbstverständlich umgebende Sprache. Wie soll man einem Amerikaner die Pendler-Pauschale erklären? Am Ende zog Schroth das Fazit, dass Neid auch eine Triebfeder sei. Und dann ginge es ja nach dem Tod weiter, im Paradies mit dem großen Frieden, aber Hilfe! Muss man dort in den Klamotten, in denen man beerdigt wurde, durch die Ewigkeit laufen?

(RP)