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Mit Gerlinde Marzi: "Sterben ist ein Teil des Lebens"

Mit Gerlinde Marzi : "Sterben ist ein Teil des Lebens"

Diese Erkenntnis machen Begleiter in der Hospizbewegung mit ihrer Arbeit klar.

RATINGEN Die Hospizbewegung tut seit Jahren einen eher stillen Dienst, der für Sterbende, deren Freunde und Familie unvergleichlich ist. Die Organisation ist hoch geachtet. Doch in den meisten Fällen erinnert man sich ihrer erst, wenn es ernst wird, wenn ein geliebter Mensch todkrank oder aber plötzlich verstorben ist. Gerlinde Marzi, die mit einer Gruppe von festen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern seit 21 Jahren dabei ist, umreißt Aufgaben und Pläne.

Was genau machen Sie als Hospizbewegung in Ratingen?

Gerlinde Marzi Wir haben Angebote für trauernde Menschen, wir machen Sterbebegleitung, wir können über mögliche Verfügungen für die letzte Zeit des Lebens informieren oder Unterlagen aushändigen - als da Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung sind. Wir bieten auch ein Trauer-Café an jedem vierten Sonntag im Monat an, und am 11. November um 10 Uhr ein "Trauerfrühstück".

Kann man aber schon zu Zeiten kommen, in denen kein akuter Fall betreut werden muss?

Marzi Natürlich, und dafür kann man auch Gesprächstermine in unserem Büro vereinbaren. Auch in dem Zusammenhang sollte jeder Interessierte wissen, dass wir zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet sind und unsere Hilfe unentgeltlich ist. Wir begleiten Sterbende ambulant und stationär und kümmern uns um die Menschen, die mit einem Verlust fertig werden müssen.

Wie sieht diese Begleitung aus? Betreuen Sie nur die direkt betroffenen Lebenspartner?

Marzi Wir sind auf jeden Fall die Ansprechpartner, die erst einmal zuhören, und die keinesfalls gleich eine Problemlösung in der Hinterhand haben. Wenn man sieht, dass mancher um Trauernde einen Bogen macht - weil er es vielleicht nicht besser kann -weiß man doch, dass Menschen mit Trauer im Herzen oft jemanden brauchen, der einfach da ist, und das ohne Ratschläge und vermeintliche Lebenstipps. Und man weiß, dass er sich freut, wenn er offen angesprochen wird. Das gilt auch für Kinder, in deren Familie jemand verstorben ist oder sterbenskrank ist.

Was kann man sich unter einer Gruppe für Kinder vorstellen?

Marzi Wir werden nach bisher guten Erfahrungen so bald wie möglich wieder eine Kleingruppe für bis zu acht Kindern einrichten, die dann nach einem Informationsgespräch mit Eltern oder Angehörigen vier bis achtmal, jeweils für anderthalb Stunden, in den Räumen der Hospizbewegung zusammenkommen können. Ihre Gesprächspartner werden Ehrenamtliche sein, die speziell für die Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen ausgebildet worden sind.

Welche Missverständnisse in Bezug auf Betreuung begegnen Ihnen denn gelegentlich bei Ihrer Arbeit?

Marzi Wir hören natürlich auch die Redewendungen "Die Zeit heilt alle Wunden" oder "Warte mal ab, das wird schon wieder". Die Zeit schert sich keinesfalls um die Wunden - die Zeit vergeht, aber der Verlust bleibt, der leere Platz an der Seite, in der Seele. Aber - wir versuchen erst einmal durchs Zuhören, dann vielleicht durch Fragen oder Beispiele die Trauernden zu befähigen, mit ihrer neuen Lebenssituation fertig zu werden.

Gibt es da Parallelen zwischen den einzelnen Trauernden?

Marzi Man kann schon sehen, dass Ehepartner, die zeitlebens eine sehr enge Verbundenheit mit nur wenigen Kontakte nach "außen" hatten, dass die oft besonderer Hilfe bedürfen. Und auch dafür sind wir alle besonders ausgebildet und durch regelmäßige Weiterbildung und Supervision geschult.

Wie stemmen Sie denn, auch finanziell, die umfangreichen Tätigkeiten?

Marzi Wir finanzieren unsere Arbeit durch Mitgliedsbeiträge (ab 18 Euro pro Jahr), durch Spenden und öffentliche Fördermittel. Darauf können sich die Menschen verlassen, die uns um Unterstützung fragen. Vielleicht ist es hilfreich für sie zu wissen, dass wir uns an christlichen Werten orientieren und aktive Sterbehilfe ablehnen. Und dann möchte ich noch eins sagen: Sterben ist ein Teil des Lebens. Das machen auch wir uns immer wieder klar, damit wir gute Begleiter sind.

GABRIELE HANNEN STELLTE DIE FRAGEN

(gaha)