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SG Ratingen: Der Dirigent Simon Ciupinski will die fünfte Sinfonie

Handball : Der Dirigent der SG will die fünfte Sinfonie

Der 31-Jährige ist als Spielmacher nach Ratingen gekommen, um den Handball-Regionalligisten zum ersehnten Aufstieg in die Dritte Liga zu führen.

Wenn Simon Ciupinski das Handball-Spielfeld betritt, wirkt das erst einmal unscheinbar. Der Mittelmann der SG Ratingen ist für einen Rückraumspieler schmächtig, der Oberkörper ist gerade, was wie ein leichtes Hohlkreuz aussieht, die ersten Schritte auf dem Feld sind eher bedächtig. Und dann reißt der 31-Jährige das Spiel an sich. Ciupinski ist nahezu pausenlos in Bewegung, fordert den Ball, stellt den Kreisläufer, sagt Abläufe an, geht ins Eins-gegen-Eins – und wenn nichts mehr zu gehen scheint, hämmert er einen Schlagwurf ins Tor, der nicht aufgrund großer Muskelmasse, sondern einer hervorragenden Wurftechnik schnell und präzise ist. Ciupinski verändert das Spiel der SG – wo in der Vorsaison Alexander Oelze nahezu der Alleinunterhalter im Angriff war, ist nun mit dem neuen Spielmacher von der HSG Krefeld ein absoluter Entscheidungsspieler dazugekommen. Der Mittelmann dirigiert mit feiner Geste, kann aber mit dem Taktstock auch mächtig zulangen, wenn die Sinfonie nicht aufgeht – Schlagwurf, Tor, fertig. So wie beim 26:25-Zittersieg zum Auftakt gegen den Neusser HV, als er sechs Tore erzielte.

SG-Geschäftsführer Bastian Schlierkamp hat vor der neuen Saison der Regionalliga ziemlich viel dafür getan, dass es diesmal etwas wird mit dem Ziel Rückkehr in der Dritte Liga. Ciupinski ist einer von acht Zugängen, aber er ist trotz der unbestrittenen Klasse etwa der Ex-Bundesligaspieler Robert Markotic und Oelze der Kopf des Angriffsspiels. Und der Mann weiß, wie Aufstiege gehen: Viermal hat er das in seiner Karriere schon geschafft mit drei Vereinen (siehe Info-Kasten), nun soll er die SG eine Spielklasse weiter nach oben führen. Bammel vor der Aufgabe?

Ciupinski ist komplett gelassen, er ruht in sich „Das Ziel ist klar: Es soll hier meinen fünften Aufstieg geben“, sagt er und schiebt direkt nach: „Das Problem ist, dass wir die Gejagten sein werden. Jede Mannschaft in der Liga wird versuchen, sich gegen uns zu profilieren. Aber ich denke, wir haben sportlich und individuell einen so guten Kader, dass wir dagegenhalten können.“ Als Mitfavoriten um den Aufstieg nennt Ciupinski den TV Korschenbroich, der eine gut eingespielte Mannschaft hat, und den TV Aldekerk, der sich unter anderem mit Paul Keutmann und Tim Gentges, seinen ehemaligen Mitspielern in Krefeld, verstärkt hat. Ein weiteres Problem: „Es ist mein erstes Jahr in der Regionalliga Nordrhein, ich weiß noch nicht, wie die Liga tickt. Ich will die nicht unterschätzen. Aber unter die ersten Drei sollten wir schon kommen.“

Das ist dann doch etwas bescheiden formuliert angesichts des Ratinger Kaders. Das weiß auch Ciupinski: „Mit Ali (Alexander Oelze, Anm. d. Red.), den ich schon lange kenne, Filip Lazarov, Denis Karic, gegen den ich letzte Saison noch in der Zweiten Liga gespielt habe, Robert Markotic, Bastien Arnaud und Damian Janus, der leider verletzt ist, haben wir natürlich viele Spieler, die sehr hoch gespielt haben. Das ist schon ein unfassbarer Kader.“

Auch damit kennt er sich aus, schon in der Jugend spielte er in Duisburg unter anderem mit Janus und dessen Cousin Patrick Wiencek, dem heutigen Nationalspieler vom THW Kiel, zusammen. Das setzte sich bei den Senioren-Teams fort. Ciupinski formuliert es bodenständig: „Ich hatte das Glück, immer in den besseren Mannschaften der dritten und zweiten Liga zu spielen.“ Ausgeklammert sei da die vergangene Saison, als Krefeld als abgeschlagener Tabellenletzter der Zweiten Liga mit 2:46 Punkten abstieg und den einzigen Sieg am 11. Oktober 2019 gegen Dormagen holte. Wie ist das, fast ein Jahr lang keinen Pflichtspielsieg mehr erlebt zu haben? „Ich freue mich über jeden Sieg in einem Freundschaftsspiel“, sagt Ciupinski lachend und schiebt hinterher: „Und natürlich sowieso über jedes Spiel, das wir gewinnen.“ Die Freude nach dem Sieg gegen Neuss dürfte entsprechend gewesen sein.

Davon muss es in der Saison etliche geben, wenn es etwas werden soll mit dem Aufstieg. „Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren, nicht auf die Schiedsrichter, die Gegner oder sonst wen“, fordert der Experte in Sachen Aufstieg, dessen größter der mit TuSem Essen in die Bundesliga war. „Das war damals überhaupt nicht geplant, da braucht es auch ein bisschen Glück. Bei den anderen war das Ziel Aufstieg vorher schon da. Dafür muss man Disziplin in der Mannschaft haben, alle müssen an einem Strang ziehen. Und wenn man intern wie extern alles dafür tut, kann man einen Spirit entwickeln, dass das funktionieren kann. Es macht auf jeden Fall immer Spaß, oben mitzuspielen.“

Dafür ist Ciupinski geholt worden, er entschied sich schon im März für den Wechsel zur SG und gegen andere Angebote aus höheren Ligen. „Dafür hätte ich wegziehen und meinen Job aufgeben müssen, und das wollte ich nicht“, sagt der Betriebswirt der Ralf Leopold Klimatechnik, dessen Vorgesetzter übrigens ein weiterer Ex-Krefelder ist: Gerrit Kuhfuß, nun Kreisläufer des TuS 08 Lintorf in der Verbandsliga. Ciupinski hat fast sein ganzes Leben im Ruhrgebiet gewohnt, auch jetzt lebt er mit Ehefrau Nadine, die er vor rund zwei Monaten geheiratet hat, in Essen. „Ratingen liegt von der Arbeitsstelle in Krefeld ja quasi auf dem Rückweg, da passt das gut“, erklärt der Spielmacher und ergänzt: „Außerdem hat mich das Projekt der SG überzeugt, wo man mit Interaktiv soziale Förderung betreibt, speziell für Kinder. Dass da Menschen geholfen wird, denen es nicht so gut geht, finde ich super.“

Und so dirigiert Ciupinski jetzt die SG Ratingen, und sollte es zum Aufstieg reichen, wäre das seine persönliche fünfte Sinfonie.