Ratingen 04/19 ist die letzte Konstante im Fußball der Stadt

Essay : Sportvereine sind ein Stück Heimat

In den vergangenen zehn Jahren sind fast alle Fußballvereine aus Ratingen und Heiligenhaus abgestiegen und noch nicht wieder zurück. Die Zuschauerzahlen sinken bei allen Klubs rapide. Was sind die Gründe dafür? Was ist zu tun? Eine Annäherung an ein komplexes Thema.

Es ist ein kalter Tag im Spätherbst, auch wenn die Sonne scheint. Ich fahre zum Spiel der Fußball-Oberliga von Ratingen 04/19 beim SC Velbert, und als ich das Ortsschild Homberg vor mir sehe, kommen die Erinnerungen: Hier bin ich früher links abgebogen zum Fußballplatz des TuS Homberg. Diesmal fahre ich weiter, wenig später biege ich aber links ab, es geht hinab Richtung Heiligenhaus, wo ich unzählige Spiele der dortigen SSVg gesehen habe, und auch der Sportplatz Am Neuhaus des SV Hösel ist nicht weit entfernt, dort um die Ecke liegt die Bezirkssportanlage, wo Rot-Weiß Lintorf spielt.

Aufgewachsen und immer noch beheimatet bin ich in Tiefenbroich, ich erinnere mich an die rote Asche beim dortigen ASV. Früher. Dass ich diese Plätze regelmäßig besucht habe, ist inzwischen zehn Jahre her. Und alle Vereine spielen nun in tieferen Ligen als vor dieser Dekade (siehe Info-Kasten), 04/19 ist die einzige Konstante und in dieser Zeit stets in der Oberliga gewesen, auch wenn die zwischenzeitlich mal Niederrheinliga hieß. Was ist mit den anderen passiert?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Kontinuität könnte eine sein, immerhin ist in der letzten Dekade bei der Konstante 04/19 stets Jens Stieghorst der Vorsitzende gewesen. Aber auch in Hösel, das 2016 als etablierter Bezirksligist in die Kreisliga A abstieg, sind immer noch Wolfgang Schulte, Jürgen Kötte und Karl-Ernst Tewes mit Eifer bei der Sache, und auch in Lintorf, das 2015 in die Kreisliga A abstieg, war Werner Uferkamp jahrzehntelang der entscheidende Mann.

Was nicht heißt, dass konstantes Personal im Vorstand nicht auch falsche Entscheidungen treffen kann – in Lintorf und in Heiligenhaus scheiterten in den vergangenen Jahren hoch-ehrgeizige Pläne so arg, dass ganze Mannschaften die Klubs verließen. Die SSVg – ich erinnere mich noch an die Feierlichkeiten beim Landesliga-Aufstieg 2008, als ich so viel von der Sektdusche abbekommen hatte, dass das ganze Büro danach roch – war 2009 Vizemeister der Landesliga geworden und steht inzwischen im Keller der Bezirksliga. Torwart in Heiligenhaus war damals im Übrigen Senad Hecimovic, der nun den SV Hösel an die Tabellenspitze der Kreisliga A geführt hat.

Zurück zur Frage: Was ist passiert? Sponsoren könnten eine weitere Antwort sein. Die lokale Wirtschaft tut sich – so ist zu hören – schwer mit lokalem bis sublokalem Engagement. Da kommt eine weitere Komponente ins Spiel: Ratingen hat große Firmen, aber wenn diese ein Sport-Sponsoring in Betracht ziehen, tun sie das beim Spitzensport – und schauen nach Düsseldorf, zur Fortuna. Ihr gönnen auch die Ratinger Vereine das Bundesliga-Dasein, und dennoch leiden sie unter ihrer Strahlkraft. Nicht nur Sponsoren schmücken sich lieber mit einem Bundes- als mit einem Bezirksligisten, auch Zuschauer ziehen im Zweifel diesen vor. Spitzensport ist sexy, Lokalsport erscheint bieder. Und wer anfängt, Profis mit Amateuren zu vergleichen, endet häufig in dem abwertenden Satz: „Das kann man sich doch nicht angucken!“

Doch, kann man. Wenn man die Erwartung an die Realität anpasst. Wenn man den Maßstab nicht in der Bundesliga sucht, sondern in der Liga, die man sich gerade bewusst ansieht. Auch da will keiner verlieren, und deshalb geben die Spieler im Rahmen ihrer Möglichkeiten so viel sie können. Fairness ist im Sport zentral – auch Zuschauer sollten in der Bewertung der Leistungen fair sein und die Kreis-, Bezirks- oder Oberliga-Kicker nicht am Standard der Bundesliga messen. Diesen Maßstab setzen natürlich nicht alle an – es gibt auch die Verwandten der Spieler oder die bedingungslosen Fans oder die Besucher, die zwar meckern – manchmal auch fundiert –, aber immer wiederkommen.

Allerdings werden die Zuschauer immer weniger. In der Recherche zu diesem Essay habe ich eine Meldung gefunden, die Werner Möller – er ist nicht einfach nur unser Mitarbeiter, sondern der lebende Lokalsport in Ratingen und Umgebung schlechthin – am 16. August 2002 veröffentlicht hat. Zum Auftakt der Saison in der Oberliga Niederrhein zwischen 04/19 und der SSVg Velbert am 11. August 2002 heißt es dort: „Kritik hagelte es für den Fußball-Oberligisten 04/19, weil es Sonntag an der Kasse lange Schlangen gab. Grund war auch der Stadion-Umbau. So hatte die Stadt die Kassenhäuschen an den Nebeneingang transportieren lassen wollen. Als man ein Häuschen anheben wollte, krachte es in sich zusammen. Deshalb gab es eine Kasse zu wenig für die 1200 Fans.“ 1200. Tausendzweihundert. Fans. Bei einem Spiel der Fußball-Oberliga zwischen 04/19 und der SSVg Velbert. Diese Paarung gab es auch in der laufenden Saison, es war Sonntag, 8. September 2019, mein erster Tag zurück im Ratinger Stadion. Vor 200 Fans, gezählt von Stadionsprecher Achim Pohlmann, der das sehr gewissenhaft „über den Daumen“ tut. Zweihundert Zuschauer.

Und auch das ist nicht das untere Ende: Beim letzten Heimspiel des Jahres 2019 am 8. Dezember fanden 123 Besucher den Weg zur Partie von 04/19 gegen die Sportfreunde Baumberg. Einhundertdreiundzwanzig. Fortuna hatte tags zuvor in Dortmund 0:5 verloren, ein Konkurrent im Spielplan war der Bundesligist da nicht. Eine Erhebung des Internetportals fupa.net zeigt, dass 04/19 Platz acht der reichweitenstärksten Top-100-Amateurvereine der Region belegt. Das Interesse ist da – aber keiner geht hin. Der Zuschauerschnitt liegt bei 04/19 laut „fupa“ in dieser Saison bei 216 Besuchern pro Partie, in Hösel sind es 53, in Heiligenhaus 52, in Tiefenbroich 51, in Lintorf 40, in Breitscheid 27.

In der vergangenen Dekade habe ich auf meinen Stationen Drittliga-Fußball in Duisburg, Champions League mit Bayer Leverkusen, Bundesliga-Handball mit dem Bergischen HC in Solingen und zuletzt Bundes- und Europa-League-Fußball mit Borussia Mönchengladbach begleitet. Und dennoch denke ich hier einfach nur, dass es schön ist, zurück in der Heimat zu sein – journalistisch gesehen, mein Wohnort war in den vergangenen 38 Jahren immer Ratingen. Und nun ist es schön, wieder hier zu arbeiten, viele Menschen von früher wiederzutreffen und mit ihnen neue Gespräche führen zu können. Das hier ist Heimat für mich, und die wird in einer stets schnelleren Welt dem Vernehmen nach immer wichtiger. Damit sie Heimat bleibt, bedarf es Menschen, die sie mit Leben füllen. Darum ein Vorschlag: Vielleicht gehen Sie demnächst mal zu dem Sportverein bei Ihnen um die Ecke, wenn da gerade ein Fußball-, Handball-, Tennis- oder Boule-Spiel ist. Es kann sich lohnen. Für Sie – und auf lange Sicht auch für die Vereine Ihrer Heimat.

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