Inklusion: Andrea Milz stellt Aktionsplan beim TV Ratingen vor

Ratingen : Gelebte Gemeinschaft ist normal beim TVR

Beim TV Ratingen hat Staatssekretärin Andrea Milz den Landesaktionsplan „Sport und Inklusion in Nordrhein-Westfalen 2019 bis 2022 – Gemeinsam für eine inklusive Sportlandschaft“ vorgestellt. 1,5 Millionen Euro stehen bereit. Eine treibende Kraft war Lena Kreft vom TVR.

Eigentlich wäre es gut, wenn dieser Text gar nicht erst geschrieben werden müsste. Es würde bedeuten, dass Inklusion normal ist und ein Wort wäre, das man nicht länger erklären müsste als gelebte Gemeinschaft von behinderten und nicht-behinderten Menschen. Dass das aber noch nicht so ist, verdeutlicht Andrea Milz: „Die Aufmerksamkeit ist noch nicht da, wo wir sie brauchen“, sagt die Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes Nordrhein-Westfalen in der Turnhalle des TV Ratingen am Stadionring.

Dorthin hatte die Staatskanzlei am Freitag eingeladen, um ihren Landesaktionsplan „Sport und Inklusion in Nordrhein-Westfalen 2019 bis 2022 – Gemeinsam für eine inklusive Sportlandschaft“ vorzustellen. Ähnlich sperrig wie der Titel sind auch die darin enthaltenen sechs Handlungsfelder mit ihren 43 Vorhaben formuliert, die Kernbotschaft daraus lautet: Wir wollen mehr tun, um Menschen mit einer Beeinträchtigung mehr zu ermöglichen. Und in diesem Zusammenhang betont Milz die Wichtigkeit der Aufmerksamkeit: „Wir haben immer mehr immer älter werdende Menschen, also immer mehr, die mit irgendeiner Beeinträchtigung leben müssen. Das betrifft uns heute schon alle. Es darf darum keine Hemmungen bei dem Thema geben. Wir wollen zu einer viel größeren Vielfalt und einer bunteren Sportlandschaft als heute schon kommen.“

Der TV Ratingen war seit Beginn der Entwicklung vor rund elf Monaten in das Konzept eingebunden. Immerhin ist der mit rund 6500 Mitgliedern größte Verein der Stadt im Jahr 2017 als Behindertensportverein des Jahres in NRW ausgezeichnet worden. „Wir haben ein sehr umfangreiches Inklusions-Angebot“, sagt die Vorsitzende Marion Weißhoff-Günther und zählt unter anderem das Behinderten-Kinderturnen, die Schlaganfall-Selbsthilfegruppe oder die 700 Reha-Patienten auf. „Das ist ein Riesenbereich.“

Um den sich vor allem Lena Kreft beim TVR kümmert. Die 24-Jährige hat einst die Idee von Schwimmtrainer Ralf Kastner aufgenommen, eine Schwimmgruppe für Kinder mit Beeinträchtigung zu gründen. „Ich habe zwar eine Tante mit einer geistigen Behinderung, aber sonst hatte ich eigentlich keine Berührungspunkte dazu“, erinnert sich Kreft. Doch die Arbeit mit den körperlich oder geistig beeinträchtigten Kindern begeisterte sie so sehr, dass sie sogar ihr Studium an der Sporthochschule Köln mit diesem Schwerpunkt versah und 2017 eine Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Inklusion von Anfängerschwimmern“ abgab. Und ihre Begeisterung hält an. Auf die Frage, was ihr schönstes Erlebnis im Bereich Inklusion sei, antwortet Kreft: „Jede Woche Samstag im Schwimmbad, wenn meine Kinder auf mich zustürmen und ich mit ihnen ins Becken springen kann.“

Kastner erinnert sich, dass er in seinen Gruppen „immer Kinder mit Beeinträchtigung“ hatte. „Die haben immer in eine Schwimmgruppe gepasst. Gerade Kinder gehen ja sehr offen und locker damit um. Wir hatten fünf, sechs Jahre einen Schwimmer mit einer halbseitigen Lähmung – der war ganz normal im Training integriert, war bei Wettkämpfen und im Trainingslager dabei.“ Kreft findet: „Wir leben im Schwimmen auch das Inklusions-Prinzip der Entscheidungsfreiheit. Die Kinder können selbst entscheiden, ob sie mit ihren Geschwistern oder mit Kindern ohne Beeinträchtigung schwimmen wollen. Gerade im Schwimmen, wo die Gefahr des Ertrinkens besteht, ist Vertrauen ein ganz wichtiger Faktor.“

Staatssekretärin Milz hat Kreft vor etwas mehr als einem Jahr bei einem Besuch im Kreis Mettmann, der sie auch zum TVR führte, kennengelernt. „Ich wusste, da war die Lena aus Ratingen – Nachnamen merke ich mir nicht so – und die hat schon ganz viel praktische Erfahrung. So sammelt man neue Mitstreiter ein“, sagt Milz, die von Anfang an alle Seiten bei der Entwicklung des Aktionsplans an Bord haben wollte. Im Ergebnis stehen nun 1,5 Millionen Euro für den Umsetzungszeitraum bis 2022 zur Verfügung, um die Vereine zu fördern, Sportstätten barrierefrei zu machen oder Ansprechpartner zu stellen. „Unser Hauptaugenmerk gilt der Vielfalt der Angebote für alle“, sagt Kreft. „Wir haben schon Rollstuhlfahrer oder Schlaganfallpatienten integriert, bevor es den Begriff Inklusion überhaupt gab.“ Beim TV Ratingen ist gelebte Gemeinschaft eben schon lange normal.

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