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Gastbeitrag von Deniz Top von der SSVg Heiligenhaus

Fußball-Momente : „Darüber werden alle noch in Jahren reden“

Für die Serie „Mein schönster Fußballmoment“ bei unserem Partnerportal Fupa.net hat sich Deniz Top an ein Landesliga-Spiel erinnert, das er als Trainer der SSVg Heiligenhaus am 3. April 2016 erlebt hat. Protagonist damals: Christian Schuh, der fünf Treffer erzielte.

In der Winterpause der Saison 2015/16 wurde ich vom spielenden Co-Trainer zum Cheftrainer als Nachfolger meines Mentors, des Ex-Profis Dietmar Grabotin, bei der SSVg Heiligenhaus ernannt. Am 25. Spieltag, am 3. April 2016, traten wir als Aufsteiger im Heimspiel gegen die zweitbeste Mannschaft – hinter den Sportfreunden Baumberg, welche als Absteiger aus der Oberliga das Nonplusultra in dieser Landesliga-Saison waren –, den SC Cronenberg an.

Bereits ab der ersten Minute dominierte ausschließlich der SC Cronenberg das Spiel und das Geschehen. Der SCS erspielte sich eine Gelegenheit nach der anderen, ohne dass wir auch nur ansatzweise ins Spiel fanden, geschweige denn, uns Torchancen erspielten. Einseitiger verlief im Rückblick keine andere Halbzeit in dieser Saison. Gut und gerne hätte es zur Pause anstelle von 0:2 auch 0:5 oder 0:6 stehen können.

Der Halbzeitpfiff war eine wirkliche Erlösung, jedoch stellte ich mir den ganzen Weg von der Trainerbank bis in die Kabine nun die Frage, welche Worte ich wohl an meine Spieler richten sollte, da ich bereits während der ersten Halbzeit taktisch umgestellt und auch einen Spielerwechsel vorgenommen hatte, was aber nicht die gewünschte Wirkungen erzielt hatte.

Doch plötzlich sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich redete von: „Vergesst die erste Halbzeit, die arbeiten wir am Dienstag beim Training auf. Da sind 200 bis 300 Zuschauer draußen, und wir gehen nun raus und machen das Spiel unseres Lebens. Die zweite Halbzeit dieses Spiels wird in die Geschichte unseres Vereins eingehen. Alle, die hier sind, werden noch in fünf oder zehn Jahren darüber reden.“ Und plötzlich geschah etwas Unglaubliches. Meine Spieler, die anfänglich mit gesenktem Haupt in der Kabine gesessen hatten, waren nun voller Tatendrang und gingen mit breiter Brust sowie einem Kampfschrei raus. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich selbst – in Anbetracht dieser unglaublichen Dominanz des Gegners – nicht unbedingt an die Worte glaubte, die meinen Mund verlassen hatten.

Die zweite Halbzeit begann, und bereits mit dem erneuten Anpfiff schien alles Gesagte und Vorgenommene hinfällig, denn der SC Cronenberg erzielte in der 47. Minute sein drittes Tor. Ich erwartete nun ein Debakel. Jedoch hatte ich die Rechnung ohne meine Spieler gemacht, denn diese zerrissen sich nun, indem sie nicht nur jeden Zweikampf annahmen, sondern auch gefällig nach vorne spielten, so dass Christian Schuh (alias Chapi) – der für mich nach wie vor einer der besten Stürmer am Niederrhein ist – in der 55. Minute das 1:3 erzielte.

Jedoch stellte der SC Cronenberg drei weitere Zeigerumdrehungen später den Drei-Tore-Abstand wieder her. Nun stellte ich mich endgültig auf eine herbe Niederlage ein. Doch meine Spieler belehrten mich an diesem Sonntag ein weiteres Mal eines Besseren, denn erneut Christian Schuh verkürzte nach einem tollen Angriff auf 2:4. Hierbei möchte ich nicht auslassen, dass der SC Cronenberg weiterhin tollen Fußball bot, jedoch beste Torchancen nicht verwertete, um das bestehende Ergebnis deutlich hochzuschrauben.

Ich hatte noch einen Spielerwechsel zur Verfügung. Mein Ansinnen war es, die Heiligenhauser Fußball-Legende Hidayet Aydogan (alias Hidi) nach mehrwöchiger Verletzungspause in der Offensive ins Spiel zu bringen. Dieser lehnte eine Einwechselung aber überraschend ab, begründete dies mit der Überlegenheit des Gegners und dem mittlerweile offenen Schlagabtausch, und legte mir nahe, mich doch selbst in die Defensive einzuwechseln, so dass das Ergebnis doch in Grenzen gehalten werden sollte. Von dieser Ehrlichkeit überrascht, folgte ich der Empfehlung meines Führungsspielers.

Nun war unser Wechselkontingent aufgebraucht, doch die nächste Hiobsbotschaft ließ nicht lange auf sich warten. Bei einer unglaublichen Rettungstat zog sich mein späterer Kapitän Phillip Horn (alias „Mr. Zuverlässig“) eine Zerrung zu, so dass er für die Hälfte der Mannschaft unbemerkt nach der Ausführung eines gegnerischen Eckballs das Feld in der 68. Minute verließ. In den letzten 20 Minuten ging der offene Schlagabtausch hüben wie drüben weiter.

Wieder einmal Christian Schuh egalisierte mit zwei weiteren wunderschönen Toren, die bis kurz vor Schluss bestehende Führung des Gegners. Und auch hier hatte der SC Cronenberg vor jeweils beiden Gegentreffern beste Möglichkeiten gehabt, den Sack zuzumachen. Jedoch schien es nun so, als ob der Fußballgott sich an diesem Tag eher zu uns hingezogen fühlte.

Meine Spieler wollten nun alles nach vorne werfen, um überaus vermessen nun mehr als nur einen Punkt zu holen, wobei ich sie erst einmal darauf aufmerksam machen musste, dass wir seit 20 Minuten in Unterzahl spielten. An den ungläubigen Gesichtern konnte ich erkennen, dass das so einigen Spielern bis hierhin gar nicht bewusst gewesen war. Wir entschieden uns, den einen Punkt daheim zu behalten und verbarrikadierten uns in unserer Hälfte, doch auch hier hatte ich die Rechnung ohne Christian Schuh gemacht: Denn nach einem missglückten Angriffsversuch des Gegners wollten wir den Ball eigentlich nur aus unserer Hälfte klären, jedoch sprintete Christian Schuh diesem Ball hinterher und schoss ihn aus sage und schreibe 60 Metern Distanz über den gegnerischen Torwart hinweg ins Tor. Sein fünfter Treffer und zugleich der 5:4-Enstand.

Was folgte, war eine unbeschreibliche und auch unübersichtliche Jubeltraube von Spielern und Zuschauern. Zudem wehte nun eine sechsmal sechs Meter große
SSVg-Heiligenhaus-Fahne, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Unser bereits damals 90-jähriger Betreuer Peter Müller, zugleich mein erster Trainer vor 30 Jahren, hatte mit all seiner Voraussicht beim Stand von 4:4 die Fahne aus einem Schrank geholt. Peter wir lieben dich!

Was mir an diesem Tag passierte, war für mich das Unglaublichste, was ich je auf einem Sportplatz erlebt habe, und für diese Erinnerung bin ich jedem einzelnen Spieler des Teams aus der Saison 2015/16 von Herzen dankbar.