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Fans des 1. FC Köln: Der Traum von Glasgow oder Mailand lebt

Fußball : Fans des 1. FC Köln: Der Traum von Glasgow oder Mailand lebt

Ratingen ist eine fußballbegeisterte Stadt – mit breit gefächerten Sympathien. In unserer Serie berichten Anhänger unterschiedlicher Vereine über die Liebe zu ihrem Klub, ihre schönsten Fan-Erlebnisse, -Rituale und -Träume.

Die fußballerische Farbenlehre in Hösel ist durch den ortsansässigen SVH bekanntermaßen eindeutig blau-weiß. Doch ausgerechnet der Vorsitzende des Kult-Klubs sorgt für einen weiteren Farbtupfer: Mit einem Fan-Klub des 1. FC Köln, samt emotionaler Mitglieder und verrückten Geschichten.

„Wir haben hier organisierte Fans mehrerer anderer Vereine, also formieren wir Kölner uns auch“, sagten sich Jürgen Kötte und Tennis-Kumpel Michael Böhm und gründeten aus einer zwar eingefleischten, aber bis dato losen Ansammlung von FC-Anhängern den Fan-Club „Kölsche Jungs Hösel“. Die offizielle Gründung legten sie genau auf den 70. Geburtstag ihres Herzensclubs, den 13. Februar 2018, und zwar „bewusst in einer Phase, als es dem FC sportlich nicht so gut ging“, wie Böhm betont. „Da haben wir gesagt: ‚Jetzt erst recht!‘“ Der Fan-Club ist ein Zusammenschluss von Fans aller Altersstufen, und – entgegen der Namensgebung – auch beider Geschlechter.

Überhaupt ist die rund 20 Mitglieder starke Truppe so heterogen, wie ihre beiden Gründungs-Protagonisten. Als gebürtiger Bonner wuchs der 53-jährige Böhm im FC-Einzugsbereich in St. Augustin auf und besuchte seit seinem Studium in Bonn regelmäßig die Kölner Heimspiele, ehe er vor mittlerweile 20 Jahren nach Ratingen und später Hösel zog. Und hier bekam seine Anhängerschaft nochmal einen besonderen Schub, denn „wie so oft wird die Heimatverbundenheit besonders stark, wenn man nicht mehr in der Heimat ist“.

Der gebürtige Velberter Kötte wiederum blieb zwar mit den weiteren Stationen Heiligenhaus und Hösel immer seinem niederbergischen Heimatkiez verhaftet, ist aber auch schon seit 45 Jahren Fan der „Geißböcke“. „Damals bin ich über Freunde zum FC gekommen“, verrät der 61-Jährige. Und seitdem ist er dabei geblieben – auch als mittlerweile langjähriger Boss des SV Hösel.

Das legendäre Kölner „Double-Jahr“ mit dem Gewinn von Meisterschaft und DFB-Pokal haben beide noch unterschiedlich erlebt. Während Böhm als Kind von der damaligen Fußball-Euphorie erfasst wurde, die auch ins Kölner Umland ausstrahlte, war Kötte schon hautnah dabei, etwa beim siegreichen Pokalfinale gegen Düsseldorf in Gelsenkirchen. Heute sind beide gemeinsam im Namen ihres Lieblingsclubs unterwegs.

Böhm ist immer wieder aufs Neue beeindruckt von der Stimmung der FC-Fans, vor allem auch auswärts: „Da ist es fast noch schöner, weil immer so viele mit fahren.“ Als Beispiel nennt er den jüngsten Kölner Auftritt in Dortmund. „Da haben wir zwar 4:1 verloren, aber die paar Tausend FC-Fans haben gefühlt zeitweise das ganze Stadion zusammengesungen.“ Generell beschreibt er seinen Club als „Verein der Emotionen“, auch in Verbindung mit der Kultur der Stadt, wie dem Karneval. „Es ist wirklich so, wie es immer so schön heißt: ‚Kölle is e Jefühl‘ – und zwar im und ums Stadion.“ Dem pflichtet Kötte bei: „Das gilt für die Stadt, den Verein, die Leute – für alles.“

Und dieses gelebte „Gefühl“ treibt manch‘ spannende Blüte, wie Kötte aus eigener Erfahrung zu berichten weiß: 1991 etwa, beim Pokal-Finale in Berlin, feierten Kölner und Bremer Fans gemeinsam mit einer Polonäse im strömenden Regen. Trotz Wasser in den Schuhen und einer Kölner Niederlage im Elfmeter-Schießen für Kötte „eines meiner schönsten Fan-Erlebnisse“. Eine buchstäbliche Erweckung gab es gut zwölf Jahre später im Münchener Olympia-Stadion. Nach durchfeierter Nacht hielten er und sein Fan-Club-Kumpel Gerd Schön bis zur Kölner 1:0-Führung beim FC Bayern durch, um dann im Zustand tiefer Glückseligkeit einzuschlummern. Als sie ihr Nickerchen beendeten, weil der Wachdienst sie aus dem da schon leeren Stadion bat, hatten sie zwar drei Tore verpasst, ihre Mannschaft allerdings mit einem 2:2 immerhin noch einen Punkt geholt.

Etwas Dauerhaftes für daheim ergatterte der Vollblut-Fußballverrückte, als er einmal zufällig zeitgleich mit einer dortigen FC-Veranstaltung in einem Hotel weilte. Dort traf er auf dem Flur keinen Geringeren als Julio Iglesias, der auf dem Arm eine Geißbock-Figur ­trug – offensichtlich ein gerade erhaltenes Geschenk des Vereins für seinen Auftritt. Kötte, nie um eine direkte Ansprache verlegen, fragte den spanischen Sangeskünstler kurzerhand, ob der das FC-Wappentier denn wirklich bräuchte . . . Seitdem ziert der kölsche Bock Köttes Kellerbar.

Bei allen tollen Erinnerungen hoffen die „Kölschen Jungs“ aber, dass endlich neue Erlebnisse dazukommen. „Wir sehnen uns danach, dass Corona bald überstanden ist, und wir wieder gemeinsam etwas machen können“, betont Böhm, der den Absturz seines Vereins nach dem Re-Start auch in der fehlenden Unterstützung der Fans begründet sieht. Ähnlich sieht es Kötte: „Der FC lebt von Emotionen und Leidenschaft seiner Fans. Ohne Fans ist Köln wie der Rhein ohne Wasser.“

Und diese Emotionen schwanken in der Domstadt schnell zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. „Und das wird auch so gepflegt“, wie Böhm augenzwinkernd verrät. Dass es aber auch sportlich seit Jahrzehnten ein ständiges Auf und Ab gibt, findet er „spannender, als wenn man von Erfolg zu Erfolg hangelt“. Außerdem seien „besondere Momente dann umso schöner“, wie etwa sein „absolutes Highlight“, die Euro-League-Quali 2017.

Auch bezüglich der sportlichen Wünsche sind sich Böhm und Kötte weitgehend einig: „Erst einmal wieder in der Bundesliga etablieren, und irgendwann wieder international spielen.“ Während Böhm als diesbezügliches Traumreiseziel beispielsweise die schottische Metropole Glasgow nennt, würde Kötte mit seinem Club gerne nach Mailand, wo er vor 30 Jahren den Weg der deutschen Nationalmannschaft zum WM-Titel „live“ miterlebte.

Auf ein baldiges Ende der Corona-Krise hoffen beide auch im Sinne weiterer Fan-Club-Aktivitäten. Bereits geplante Vorhaben, wie gemeinsame Touren oder die Erstellung einer eigenen Fahne, hatte die Pandemie zuletzt gestoppt, nicht aber die generationenübergreifende Leidenschaft. „Bei uns unterstützen Teenager und Senioren zusammen den Verein“, freut sich Michael Böhm und fügt an: „Wer Interesse hat, kann gerne dazu kommen.“

Eine solch integrative Ausrichtung leben die „Kölschen Jungs Hösel“ auch bezüglich anderer Anhänger in Ratingen. „Eine Fankultur, wie hier, mit Fans verschiedener Vereine, ist belebend“, bekräftigt Jürgen Kötte, „und hier versteht man sich untereinander.“ Und das entspreche ja schließlich dem Kölner Ur-Prinzip: „Man muss auch jönne könne!“