Dieter Frenzel löste beim EC Ratingen einen Eishockey-Boom aus

Porträt Dieter Frenzel : Er machte den ECR deutschlandweit bekannt

1989 ging ohne große Schlagzeilen einer der besten DDR-Eishockey-Spieler in den Westen – und löste in Ratingen einen Boom aus. Erst später erfuhr er, dass er bereits zuvor einen Vertrag aus der nordamerikanischen Profiliga NHL angeboten bekommen hatte, doch sein Arbeitgeber Dynamo Dresden das verschwiegen hatte.

Oh nein, den Tag des Mauerfalls wird Dieter Frenzel nie vergessen. „Meine Dynamos kämpften im Wellblechpalast in der Mini-Meisterschaft der DDR gerade gegen Weißwasser, als die Nachricht vom Fall der Mauer durchsickerte“, erinnert sich der langjährige Kapitän der DDR-Auswahl. „Ich saß auf der Tribüne, als über das Radio die Information von der Bornholmer Brücke alle erregte. Da bin ich in der Drittelpause in die Kabine und hab’ den Jungs die Nachricht mitgeteilt. Ungläubige Blicke waren die Folge“, erzählt der legendäre Eishockey-Profi.

Was der damals 34 Jahre alte Verteidiger an diesem Tag nicht ahnte: Schon vier Wochen später – am 6. Dezember 1989 – hatte er als erster DDR-Sportler in einer Teamsportart einen gut dotierten Vertrag im Westen unterschrieben – beim EC Ratingen. „Präsident Georg Dommel und Manager Walter Stadler haben sich ins Auto gesetzt und kamen gleich nach dem Fall der Mauer zu mir nach Marzahn. Wir waren uns schnell einig“, berichtet Frenzel. Allerdings habe er keine Ahnung von Vertragsverhandlungen gehabt. „Ich habe mich zwar sehr gefreut. Aber ich hätte das Zehnfache verlangen können“, sagt er schmunzelnd.

Die Ablösesumme von 2000 Mark war eher bescheiden, wenn man bedenkt, dass Fußball-Profi Andreas Thom sechs Tage später für 2,5 Millionen vom BFC Dynamo zu Bayer Leverkusen wechselte. Doch auch 30 Jahre danach kann sich Frenzel an die Konditionen seines ersten Westvertrages erinnern. Er selbst erhielt rund 4000 Mark im Monat, „das waren 70 Prozent des vereinbarten Gehalts, die anderen 30 Prozent gingen an meinen bisherigen Verein SC Dynamo“. Oftmals wurde das Geld aber „bar auf die Hand gezahlt, es war eigentlich Schwarzgeld“, gibt er heute unumwunden zu.

Die Zahlungen an Dynamo währten aber nicht lange, denn den Ratingern ging es finanziell schlecht zu jener Zeit, sie spielten unter Konkursbedingungen in der 2. Bundesliga. „Irgendwann hat Dynamo dann nichts mehr bekommen“, weiß Frenzel, der weiter Angehöriger der DDR-Volkspolizei blieb. Und er erinnert sich, wie der ECR für ihn kämpfte, sogar vor das Bundesverfassungsgericht zog, damit er als Ostdeutscher nicht unter die gültige Ausländerregelung – erlaubt waren damals nur zwei je Team – fiel. Doch der Kampf um Frenzel lohnte sich: Der ECR kletterte in der Tabelle nach oben. Die Stadt wurde deutschlandweit bekannt durch ihren Eishockey-Verein.

„Das lag nicht allein an meinem Spiel“, räumt Frenzel ein, obwohl er zwei Jahre der best-scorende Verteidiger war. „Aber ich habe das Know-how in den Westen gebracht.“ Schließlich wechselten später in René Bielke und Torsten Kienass zwei weitere Nationalspieler aus dem Osten nach Ratingen, und auch an der Verpflichtung des sowjetischen Torjägers Sergej Swetlow und dessen Teamgefährten Waleri Wassiljew hatte er dank guter Kontakte Anteil. Kein Wunder, dass Ratingen im D-Zug-Tempo nach der Saison 1991/92 in die 1. Bundesliga einzog. Eine neue Halle für 5000 Zuschauer wurde Am Sandbach gebaut, die Euphorie in der Stadt kannte keine Grenzen. „Ich denke heute noch an die Feier mit den Fans auf dem Marktplatz zurück, habe den Kontakt zu ihnen nie abreißen lassen“, sagt Frenzel.

Um sich die für den Wechsel in den Westen nötige Transferkarte des Weltverbandes IIHF unterschreiben zu lassen, hatte sich Frenzel an den Deutschen Turn- und Sportbund gewandt. Die Unterschrift war kein Problem, aber der Besuch beim Sport-Dachverband der DDR brachte eine gehörige Überraschung. „Da teilte man mir mit, dass schon 1983 die Edmonton Oilers dem DTSB einen unterschriftsreifen Vertrag für mich mit der Ablösesumme von einer Million Dollar vorgelegt hatten. Aber mit mir hat keiner gesprochen“, erzählt Frenzel. Als Jahresgehalt standen für ihn drei Millionen Dollar in Aussicht, heute kann er darüber nur schmunzeln. Ein Jahr später holten die Oilers den Stanley Cup in der Profiliga NHL – was für eine verlorene Chance für Frenzel.

„Als ich nach der Wende meine Vorgesetzten bei Dynamo damit konfrontierte, hat man nur scheinheilig geantwortet: „Was, Du wusstest das gar nicht? Hättest ja mal fragen können.““ Doch die Oilers haben den Mann aus der „Hall of Fame“ des deutschen Eishockeys nie vergessen. Sie sandten ihm ein Trikot des Stanley-Cup-Siegers mit Original-Autogrammen, das in seinem Schrank einen Ehrenplatz hat.

Sein Wechsel in den Westen sorgte in seiner Heimat für Aufsehen – doch nicht im positiven Sinne. „Teilweise haben mich meine Kollegen nicht mehr angeguckt. Viele haben mich gemieden“, erinnert er sich. „Grund war in erste Linie der Neid. „Der verdient jetzt einen Haufen Geld“ hieß es hinter vorgehaltener Hand“, erzählt Frenzel, der mit dem SC Dynamo zwölfmal DDR-Meister wurde und an 13 Weltmeisterschaften teilnahm. Mit seinen 296 Länderspielen wird er nur von seinem Teamgefährten Dietmar Peters übertroffen, der auf 315 Einsätze im DDR-Team kam.

Aber Frenzel räumt ein, dass sich in jener Zeit alles so schnell änderte und auch seine einstigen Kritiker später Verständnis für seinen Schritt zeigten. „Sie haben sich entschuldigt.“ Und kurioserweise vereinnahmte später der findige ECRPräsident Dommel als Schmuckhändler einen Teil der nun arbeitslos gewordenen Dynamo-Führung als Verkäufer seiner Produkte im Osten.

Trotz der engen Bindungen in Ratingen war für Frenzel dort nach dem ersten Bundesliga-Jahr Schluss. Die Chemie mit dem neuen Trainer Alexander Barinew stimmte nicht. „Er wollte gern alles im Verein übernehmen, auch den Managerposten. Dem stand ich als Kultfigur des Teams im Wege“, sieht der torgefährlichste Eishockey-Verteidiger der DDR heute als Grund. Doch auch der Folgevertrag des damals 38-Jährigen beim EC Wilhelmshaven bis 1995 war glänzend dotiert.

In Frankfurt und Stuttgart schaute sich Frenzel nach idealen Standorten für die Gründung eines Schuhladens um. In Dresden blieb er sesshaft, eröffnete mit seiner Frau Uta in exklusiver Lage am Altmarkt die Boutique „Grazie Schuh“. Dort sieht er auch bis zum Eintritt ins Rentenalter sein Auskommen. Ob er danach in der Sachsen-Metropole heimisch bleibt, lässt er offen.

Was aber wohl immer bleibt, ist die Verbundenheit zu seinem Sport. Ende September durfte er beim Freundschaftsspiel der Eisbären gegen die Chicago Blackhawks den Ehren-Bully vollziehen. „Und das auf Einladung der NHL“, unterstreicht Frenzel. „Schön, dass sie mich nicht vergessen haben. In jeder Halle, in die ich heute komme, treffe ich Freunde“, sagt er und verhehlt auch nicht, dass er zu den Dresdner Fußball-Idolen wie Ralf Minge gute Beziehungen pflegt.

Doch einen Ärger hat Frenzel auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht verwunden. „Es regt mich auf, dass der Deutsche Eishockey-Bund – anders als im Fußball – unsere Länderspiele nicht anerkennt. In der Rangliste des Weltverbandes gehören drei Deutsche zu den Top-Ten mit den meisten Länderspielen, Udo Kießling, Dietmar Peters und ich. Wahrscheinlich zieht der DEB nicht nach, weil dann fast nur Ossis oben stehen würden“, meint er süffisant und trotzig.

(dpa)
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