Handball: „Der nächste Schritt muss der Aufstieg sein“

Handball: „Der nächste Schritt muss der Aufstieg sein“

Geschäftsführer und Trainer der SG Ratingen sprechen über Ziele, Philosophien und die neuen Stars im Team.

Herr Schlierkamp, Herr Khan, in den ersten fünf Spielen in der Nordrheinliga gab es zwei Niederlagen. Wie bewerten Sie den Saisonauftakt?

Khalid Khan Ich habe erwartet, dass es Rückschläge geben wird. Wir haben zehn neue Spieler einbauen müssen, spielen quasi mit einer komplett neuen Mannschaft. Da kann noch nicht alles funktionieren. Trotzdem tun zwei Niederlagen weh.

Sie haben nach der Niederlage in Dinslaken gesagt, Ihre Mannschaft wird nichts mit dem Aufstieg zu tun haben. Ist das nicht sehr viel Tiefstapelei?

Khan Ich muss meine Aussage präzisieren: In dieser Verfassung werden wir nichts damit zu tun haben. Ich muss das Team gerade auch ein wenig in Schutz nehmen, da es völlig verunsichert ist.

Warum ist dies so?

Khan Die Qualität im Kader ist groß. Aber das Team muss zusammenwachsen. In Stresssituationen gibt es noch keine Automatismen, die müssen erst wachsen. Dazu kommen unerwartete Verletzungen, zum Beispiel von Ace Jonovski, der als Führungsspieler fest eingeplant ist.

Bastian Schlierkamp Trotzdem muss klar sein: Niederlagen wie in Rheinbach oder Dinslaken dürfen nicht unser Anspruch sein. Wir trainieren viermal die Woche mit der Mannschaft zuzüglich individueller Einheiten, investieren sehr viel Arbeit in diese Mannschaft. Da dürfen wir nicht gegen Teams, die zweimal in der Woche trainieren, verlieren.

Im Sommer gab es einen radikalen Umbruch. War der so wirklich notwendig, schließlich hat das Team im Vorjahr eine hervorragende Rückrunde gespielt?

Khan Moment! Es ist ja nicht so, dass wir uns vorgenommen hatten, die komplette Mannschaft auszutauschen. Es gab einige, die wir gerne halten wollten. Wir wollten mit Simon Breuer, Carsten Jacobs, Dominik Jung oder Ben Schütte weitermachen. Das hat leider nicht geklappt. Am Ende mussten wir dann doch ziemlich viele Spieler ersetzen.

Schlierkamp Dabei haben wir versucht, alle Ressourcen auszuschöpfen. Wir haben den Kader verstärkt, haben sehr auf Charakter geachtet. Khalid war bei jeder Verpflichtung eingebunden....

Khan ... und ich bin mit der Besetzung der Mannschaft sehr zufrieden. Wenn dieses Team so zusammen bleibt, können wir Großes erreichen. Aber es muss erst was zusammenwachsen. Eine neue Mannschaft braucht im Schnitt anderthalb Jahre, um sich zu festigen, zu entwickeln. Wir sind gerade einmal drei Monate zusammen. Aber trotzdem darf man natürlich auch vorher schon Erfolg haben, so ist das nicht.

Mit der Verpflichtung der Mazedonier Filip Lazarov und Petre Angelov wurden vor der Saison hohe Erwartungen geschürt.

Schlierkamp Deshalb müssen wir die Mannschaft jetzt auch in die Pflicht nehmen. Wir im Umfeld haben getan, was möglich ist, nun müssen es die Spieler auf der Platte auch zurückzahlen.

Wie konnten Sie sich zwei Nationalspieler überhaupt leisten?

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Schlierkamp Im Vergleich zu dem, was sie vorher verdient haben, laufen Angelov und Lazarov bei uns für Spielgeld auf. Sie wollen sich aber hier eine berufliche Existenz aufbauen. Angelov und Lazarov haben feste Jobs, arbeiten erstmals in ihrem Leben neben dem Handball. Und das sind nicht nur Scheinjobs, sie werden richtig integriert. Unsere größte Leistung bei den beiden ist nicht in Geld bemessen, sondern sozial: Wir unterstützen sie bei der Wohnungssuche, helfen beim Umzug der Familien, Amts- und Botengänge. Bei all diesen Dingen ist Ace Jonovski unglaublich, er kümmert sich hinter den Kulissen extrem.

Khan Ace ist mein wichtigster Spieler. Seine Leistung neben dem Platz kann man mit Geld nicht bezahlen.

Schlierkamp Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Team zusammenzustellen: Entweder, du legst einen Batzen Geld auf den Tisch. Oder du bist kreativ. Wir sind schon immer den zweiten weg gegangen. Ace war dabei ein absoluter Glücksfall für uns.  Neben dem Training und der Arbeit hat er mal eben die Wohnung für Filip Lazarov eingerichtet. Ace spricht Sponsoren an, kümmert sich um Jugendteams, ist sogar in der Jugendhilfe für Familien vom Balkan aktiv.

Wie weit schätzen Sie das Team aktuell ein?

Khan Wartet mal ab, bis die Mazedonier wirklich integriert sind, wenn die Familien nachgekommen sind, die jungen Spieler sich freigeschwommen haben und im Team eine richtige Hierarchie entstanden ist. Dann kann man von uns eine Menge erwarten. Wir haben eine sehr junge Mannschaft – und abgesehen von den Mazedoniern war niemand in seinem vorherigen Verein ein Leistungsträger. Dazu müssen sich die Spieler erst entwickeln. Das können sie bei uns aber auch.

Aber Ziele haben Sie ja trotzdem...

Khan Erstmal möchte ich aus dieser Mannschaft eine besondere Mannschaft machen. Dafür arbeiten wir hart. Aber natürlich ist klar, dass unsere nächsten Schritte der Aufstieg und das Etablieren in der dritten Liga sein müssen. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Wir haben viele junge Spieler – und ich hätte sogar noch mehr Talente, zum Beispiel aus der eigenen Jugend, dabei gehabt.

Man kann da aber den Eindruck haben, dass der Jugendbereich des Vereins ein wenig brach liegt. Es gibt keine A-, B oder C-Jugend.

Schlierkamp Da muss ich definitiv dagegen halten. Die größten Erfolge im Ratinger Jugendhandball haben wir erreicht: zwei Jahre Teilnahme an A-Jugendbundesliga, im ersten Jahr nach der Hinrunde Zweiter und zum Abschluss Vierter. Wir hatten bereits 1,5 Jahre nach Gründung alle Altersklassen besetzt. Der Kurswechsel, ab den Jüngsten mit Ratinger Kindern zu spielen, wurde bewusst gewählt. In der jetzigen ersten Mannschaft sind eigene Jugendspieler mit Etienne Mensger und Yannik Nitzschmann sowie mit Maik Ditzhaus, Leo Loose und Marc Steppke im erweiterten Kader dabei. Unsere zweite Mannschaft, die nach aktuellem Tabellenstand hinter unserer Ersten die zweitbeste Mannschaft in Ratingen ist, besteht fast ausschließlich aus unseren Jugendspielern. Die Jungs wurden von Trainern wie Pascal Mahé, Julian Bauer und Leszek Hoft bei uns ausgebildet.

In den Vorjahren wurde der Hauptsponsor der ersten Mannschaft immer per Lotterie bestimmt, in diesem Jahr übernahm Heckermann Objektschutz den Platz auf dem Trikot. Ein Kurswechsel?

Schlierkamp Rainer Heckermann lebt die SG Ratingen, er ist in der Lage, den Verein finanziell zu unterstützen. So eine Lotterie mit vielen kleineren Beträgen ist in der Breite attraktiv, aber natürlich muss das Ziel sein, feste Sponsoren zu haben, die für ihren Werbewert auch eine entsprechende Gegenleistung zahlen.

Einer der Stammvereine der SG ist interaktiv, ein Träger für Bildung und Sport in der Schule. Wie ist die Verbindung?

Schlierkamp Die SG Ratingen ist das Aushängeschild von interaktiv. Viele Spieler arbeiten im Verein in sozialen- und Schulprojekten mit. Diese Leistungshandballer sind Vorbilder für den Nachwuchs, stehen dafür, was man im Sport und Beruf erreichen kann, wenn man Gas gibt. Das ist von unschätzbarem Wert.

Die SG Ratingen spielt am Samstag (18 Uhr) gegen den TV Aldekerk. Der Gegner steht mit 7:3 Punkten aktuell vor der SGR.

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