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Das können Vereine in Ratingen in der Corona-Krise tun

Interview Michael Schneider : „Sportstätten werden nach der Krise voller sein“

Der Vorsitzende des Stadtsportverbandes Ratingen berät Vereine während der Coronavirus-Pandemie und lobt die Stadt. Das Soforthilfepaket könnte recht vielen Vereinen der Stadt nutzen, glaubt Michael Schneider, sie sollten das prüfen. Mitgliedsbeiträge können sie nicht einfach aussetzen, dazu müssten sie ihre Satzung prüfen. Vorbildlich findet er das Vorgehen von TuS Lintorf und TV Ratingen bei den Online-Angeboten, und er hofft auf einen Aufschwung nach der Krise.

Herr Schneider – was rät der Stadtsportverband Ratingen den hiesigen Sportlern in der Corona-Krise?

Schneider Vor allem Solidarität gegenüber den Vereinen. Sehr, sehr wichtig für den SSV ist der Aufruf, wenn es wirtschaftlich geht, den gesamten Mitgliedsbeitrag zu bezahlen, auch wenn eventuell die Einrichtungen bei den Vereinen im Moment nicht so zur Verfügung stehen können. Ich denke, dass alle Vereine den Mitgliedern mit schönen Events wie Sommer- oder Weihnachtsfeiern oder Sonderaktionen entgegenkommen werden. Jetzt ist es wichtig, für die Vereine da zu sein, um ihre finanzielle Existenz nicht zu gefährden.

Sind Vereine auf Sie zugekommen, deren Existenz gefährdet ist?

Schneider Ohne Namen zu nennen können wir sagen, dass wir wissen, dass Vereine schon Soforthilfsmaßnahmen, die jetzt auch für die Vereine gelten mit 9000, 15.000 oder 25.000 Euro je nach Übungsleiteranzahl, beantragt haben. Dafür ist ja Kernvoraussetzung, dass man einen Liquiditätsengpass hat oder die anderen Vorrausetzungen gemäß der Richtlinien erfüllt – und das ist bei einigen Vereinen schon gegeben.

Die Sofortmaßnahmen decken aber nur wirtschaftliche Einnahmen und nicht ideelle wie Mitgliedsbeiträge...

Schneider Genau – nur Vereine mit einem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb können darauf zugreifen. Das trifft die Vereine, die einen Gastronomie- oder bezahlten Spielbetrieb haben, nicht den rein ideellen Bereich, weil es sonst ein Problem bei der Gemeinnützigkeit gäbe.

Wie viele Vereine in Ratingen können das überhaupt nutzen?

Schneider Das sind schon einige. Der wirtschaftliche Zweckbetrieb muss ja nicht groß sein. Ein Verein, der seine Kneipe selber betreibt, hat einen wirtschaftlichen Zweckbetrieb. Das bezieht sich auf einige Golf- und Tennisklubs, aber auch auf Fußballvereine mit eigener Gastronomie. Auch Vereine, die von Sponsoren sehr abhängig sind, haben hier Möglichkeiten, den Schaden etwas zu reduzieren. Jeder Verein sollte für sich prüfen, ob er den Antrag für die Maßnahmen stellen kann.

Mitgliedsbeiträge hatten wir schon angesprochen – da ist es auch nicht so einfach, die auszusetzen, richtig?

Schneider Genau. Es gibt Vereine, die ideell-lastig sind, die in der glücklichen Lage sind, wenige Nebenkosten zu haben, weil sie beispielsweise die Sportstätten von der Stadt gestellt bekommen und den Mitarbeitern weniger zahlen müssen. Anders als andere Städte stellt die Stadt Ratingen den Vereinen Strom, Gas und Wasser größtenteils kostenlos zur Verfügung oder gibt über eine Versorgungspauschale einen Zuschuss. Diese Vereine können ein Plus erwirtschaften, weil sie Mitgliedsbeiträge haben, aber keine Übungsleiter bezahlen müssen. Deswegen fragen diese Vereine, ob sie die Beiträge aussetzen oder stunden können, um ihren Mitgliedern etwas zu helfen. Der Ansatz ist zwar gut, kann aber ein Problem mit der Gemeinnützigkeit ergeben, je nachdem wie die Satzung ausgestaltet ist. Die sollte zunächst beachtet werden.

Was raten Sie da?

Schneider Das muss im Einzelfall der Steuerberater des Vereins prüfen. Was zudem möglich ist, zeigen die Beispiele TuS Lintorf und TV Ratingen, die das exemplarisch super-schön machen, in ein Online-Medium gehen und dort den Mitgliedern trotz der schwierigen Situation einen sportlichen Mehrwert bieten, auch wenn sie da nicht so die sozialen Kontakte haben.

Der SSV hat einen Info-Button auf seiner Homepage. Worin beraten Sie derzeit am meisten?

Schneider Generell kann ich den Vereinen empfehlen, den Info-Button so konsequent zu nutzen, wie sie das derzeit tun. Das läuft echt gut. Fast 80 Prozent der Anfragen sind steuer- und arbeitsrechtliche Probleme: zu Mitgliedsbeiträgen, können Sponsoren kündigen, was ist, wenn Mitglieder wegen der Krise kündigen, wo kann ich finanzielle Hilfen bekommen, und so weiter. Da gibt es derzeit viele rechtliche Probleme für die Vereine zu lösen, bei denen sie sich an ihre Berater wenden sollten, um Rechtssicherheit zu haben. Der SSV steht aber gerne jedem Verein helfend und beratend zur Seite.

Die Sportstätten sind geschlossen – was müssen Vereine tun?

Schneider Sie müssen darauf achten, dass sie auch nicht genutzt werden, um das Kontaktverbot der Regierung einzuhalten. Auch wenn jetzt schöne Ostertage bevorstehen, müssen die Vereine darauf achten, dass auf ihren Anlagen keine Partys stattfinden oder sie verwahlosen.

Was kann die Stadt Ratingen in puncto Hilfen noch machen?

Schneider Da muss ich viele enttäuschen: Die Stadt Ratingen macht schon sehr viel. Anders als andere Städte. Wuppertal hat zum Beispiel ausgerufen, dass die Vereine die Anträge früher stellen können, dass sie Nutzungsgebühren für Hallenbäder, Personal und so weiter, nicht jetzt zahlen müssen, sondern später oder die Zuschüsse der Stadt früher gezahlt werden. Unsere Vereine genießen da aber fast eh schon alle einen Kostenfreistellungsbetrag. Es gibt kaum Vereine in Ratingen, die Gebühren für die Nutzung der Anlagen zahlen müssen. Da gibt es fast keine weiteren Möglichkeiten, die Vereine finanziell zu entlasten. Sie werden aber nicht im Regen stehen gelassen. Wir sind insoweit im engen Austausch mit der Stadt und dem Sportamt, um auch auf die besondere Lage und Extremsituation für die Vereine bestmöglich zu reagieren.

Neben dem Soforthilfepaket gibt es ja noch das Förderprogramm Sportstätten 2020. Läuft das noch?

Schneider Ja, das läuft voll weiter. Zwei Anfragen dazu hatte ich in den letzten Tagen. Die Anträge werden noch nachgebessert, die Förderempfehlung von Stadt und SSV ist quasi abgeschlossen, so dass zeitnah hoffentlich die finale Empfehlung der NRW-Bank erfolgen könnte und es dann an die Umsetzungen gehen kann. Das läuft also voll weiter und unterstützt nicht nur die Vereine, sondern auch die lokale Wirtschaft.

Inwiefern?

Schneider Aus den Anträgen geht hervor, dass fast alle Vereine mit lokalen Unternehmern zusammenarbeiten, was wir sehr positiv finden. Das war ja vor der Krise das größte Projekt für die Vereine und den SSV, und es wurde sehr gut angenommen. Es standen 1,18 Millionen Euro zur Verfügung, und das Geld ist nahezu ausgeschöpft in Ratingen, weil wir eine sehr hohe Förderquote haben. Man kann aber weiter Anträge stellen.

Die Umsetzung muss aber nicht 2020 erfolgen?

Schneider Nein, das wissen die Vereine aber auch. Ich denke, dass durch die Corona-Krise noch ein paar Monate draufgepackt werden, bis die Sachen umgesetzt und die Nachweise erbracht sein müssen.

Wird es nach der Krise mehr Kooperationen, mehr Spielgemeinschaften geben müssen, weil viele kleine Vereine es nicht überstehen?

Schneider (atmet durch) Okay – teils fragt man sich im Fußball oder im Breitensport ja jetzt schon: Brauchen wir so viele Vereine? Ich finde aber: Gerade von der Individualität der Vereine lebt der Sport. Wie will man lokale Derbys haben, wenn wir in Ratingen nur noch einen Tennisklub hätten? Oder die Infrakstruktur: Wenn die Kinder aus Homberg alle in Ratingen Mitte Fußball oder Tennis spielen müssten, wäre das auch nicht das Gewollteste. Da geht auch die Ortsverbundenheit verloren. Ich glaube, die Vielfältigkeit des Vereinslebens und die Vereinsstruktur fördert die lokale Verbundenheit mehr, als wenn wir alle in zwei, drei Großvereinen wären, die dann logischerweise auch noch größere Anlagen bräuchten. Kooperationsbereitschaft ist meiner Meinung nach vorhanden, die Vereine unterstützen sich jetzt schon, wo es geht.

Bei einem Handball-Derby in Ratingen sind vielleicht 160 Zuschauer, am Wochenende darauf teilen die sich wieder auf mit 80 da und 80 da. Macht das wirklich Sinn?

Schneider Auf Dauer wird sich das durchsetzen, was wirtschaftlich tragbar und gesellschaftlich gewollt ist. Die Nachfrage wird das regeln. Im Handball haben TuS Lintorf und TV Ratingen für diese Saison in der A-Jugend kooperiert – da entstehen aus der Nachfrage und Sinnhaftigkeit automatisch solche Kooperationen. Wann und ob das im Tennis oder Fußball kommen wird, hängt davon ab, wie lange die Krise dauert und wie stark sie die Vereine auch nachhaltig treffen wird.

Andersherum: Haben Sie Hoffnung, dass der Sport in Ratingen nach der Krise wieder mehr Zuschauer hat?

Schneider Vielleicht. Das kann man auf die Gesellschaft allgemein beziehen – das, was die Leute jetzt weniger haben, werden sie durch den Verzicht danach vielleicht mehr zu schätzen wissen. Vielleicht gehen sie dann öfter zum Sport. Ich glaube schon, dass eine erhöhte Teilnahme danach auftreten wird in nahezu allen Vereinen. Die Sportstätten werden voller sein – aus der Solidarität, aber auch der Individualität heraus, dass man öfter zum Sport will.

Wann geht es denn weiter?

Schneider Das kann man ja nicht seriös sagen. Ich glaube aber, dass wir verschiedene Öffnungszeiten haben werden. Golf und Tennis werden vielleicht früher wieder geöffnet werden als Mannschaftssportarten. Bei Individualsportarten sehe ich es zumindest auf dem Platz nicht als schwierig an, in den Kabinen müsste man dann Abstand wahren. Bei Mannschaftssportarten wird es generell schwierig, den Abstand einzuhalten, schon auf dem Platz. Da bräuchten wir für alle Negativtests. Das ist logistisch nicht zu leisten. Wann es mit den Ligen weitergeht, welche neuen Regeln oder wirtschaftlichen Probleme es damit für die Vereine geben wird, ist meiner Meinung nach die größte Herausforderung. Diese Unsicherheit hatten wir bisher noch nie. Es sind noch viele Punkte offen, auf die man situativ reagieren muss. Da ist von den Vereinen schnelles, individuelles und kreatives Handeln gefordert, die Krise zu meistern.