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Corona: Der Lockdown trifft den Amateursport, vor allem die Kinder

Sport in der Pandemie : Der Nachwuchs ist besonders betroffen

Sollte es ab 7. März tatsächlich vorbei sein mit dem Lockdown für den Amateur- und Breitensport, ist ein Drittel eines Jahres durch die Pandemie und die Einschränkungen verloren. Darunter leiden alle Vereine und Sportler. Warum wird hier eigentlich nicht differenziert?

Seit 2. November befindet sich der Amateur- und Breitensport aufgrund der Pandemie in einem Lockdown, den die Politik bis mindestens 7. März ausgedehnt hat. Das ist ein Drittel eines Jahres oder anders gesagt: Es sind vier Monate und fünf Tage oder rund 18 Wochen oder exakt 125 Tage. Natürlich ist das schwierig für die Senioren im Fußball wie Oberligist Ratingen 04/19 oder im Handball wie Regionalligist SG Ratingen mit ihren Zielen. Aber noch schlimmer ist das für den gesamten Nachwuchs im Sport.

Beispiel eins: Den Ratinger Ice Aliens wurde eine komplette Saison in der Eishockey-Regionalliga verwehrt, was mindestens ärgerlich, hoffentlich nicht existenzbedrohend ist. Dass die Eishalle Am Sandbach seit November dicht ist und die Stadt nun das Eis abtauen wird, ist aber noch viel schlimmer für die zahlreichen Nachwuchsmannschaften des Vereins. Kondition können auch junge Sportler noch abseits des Eises trainieren, aber sicher nicht ihre läuferischen Fähigkeiten entwickeln oder verbessern. Dafür brauchen sie den speziellen Untergrund, und der ist nicht zu simulieren.

  Auch die Schwimmer des TV Ratingen, hier Ben Juretzki, können ihren Sport nicht ausüben.
Auch die Schwimmer des TV Ratingen, hier Ben Juretzki, können ihren Sport nicht ausüben. Foto: Kastner/TVR

Das gilt auch für Beispiel zwei: das Schwimmen. Natürlich ist es etwa für die Wettkampfschwimmer des TV Ratingen schwierig, dass die Bäder zu sind. Ganz zu schweigen von vielen älteren Bürgern, die gezielt diesen Sport brauchen, um ihre Mobilität zu erhalten. Aber weit schlimmer ist es für diejenigen, die Schwimmen erst noch erlernen sollen. Das ist ohne Wasser schlicht nicht möglich. Die Wartelisten waren schon vor der Pandemie voll, inzwischen sind sie eingestellt, weil für mehr als ein Jahr kein Platz frei wäre, selbst wenn die Bäder wieder wie einst genutzt werden könnten. Und wer die enorme Geschwindigkeit der Entwicklung eines jungen Körpers kennt, weiß, wie groß die Zeitspanne ist, die da verloren geht, in der Kinder eine Sportart lernen könnten, die überlebenswichtig sein kann.

Der massive Zeitverlust betrifft indes alle Sportarten, auch jene, die kein besonderes Element für ihre Ausübung benötigen: Tennis, Fußball, Handball, Judo und und und. Da fehlt dann nicht nur wichtige Zeit für die technische, körperliche und motorische Entwicklung, sondern auch für die geistig-soziale, die in den Sportarten gelebt und vorangetrieben wird. Und Zeit für die Bindung an einen Verein. Die Sorge, dass gerade Kinder, die noch nicht recht wissen, für welche Sportart sie sich auf Dauer begeistern können, nach dem Lockdown den Weg zurück in die Halle oder auf den Platz nicht mehr finden, dürfte sehr berechtigt sein. Zwar ist der Bewegungsdrang sicher ungebrochen – im Schnee der vergangenen Tage waren etliche Schlitten unterwegs, der Rodelberg in Ratingen West war gut besucht – und nicht alle Kinder werden nur noch vor digitalen Endgeräten hängen. Aber klar ist auch: Wer noch nicht von einer bestimmten Sportart so gepackt war, dass er sie uneingeschränkt als „seine“ oder „ihre“ bezeichnet, kommt möglicherweise nach dieser langen Zwangspause nicht wieder.

Fakt ist zudem, dass alle Vereine ein Mitgliederschwund trifft, was nicht einmal so sehr an Pandemie-bedingten Austritten liegt, sondern vor allem daran, dass die Klubs keine Möglichkeit haben, neue Mitglieder zu gewinnen. Wie begeistert man jemanden, der weder den Verein kennt noch umgekehrt, mit einem reinen Online-Angebot? Wer geht schon auf eine Homepage, wenn er den Verein gar nicht kennt und ohnehin keine Möglichkeit hat, ihn anders als virtuell wahrzunehmen? Und ist noch mehr Zeit vor einem digitalen Endgerät wirklich die Lösung für Kinder in Zeiten von Home-Schooling und ebenfalls sozial wichtigen virtuellen Treffen mit Freunden?

Um das nicht falsch zu verstehen: Die meisten Vereine haben in der Krise Großartiges geleistet, die Digitalisierung vorangetrieben und ihren Mitgliedern Angebote gemacht, die oft sehr gut angenommen wurden und werden. Das Engagement, das in die Umstellung auf Online-Sport gesteckt wurde, die Kreativität und Beharrlichkeit der Trainer und Übungsleiter – die würde man sich von der Politik für den Sport an sich wünschen. Stattdessen gibt es wieder einmal eine Ausweitung des Status quo ohne Differenzierung. Wenn Schulen und Kitas ab dem 22. Februar wieder öffnen dürfen – warum kann man Kinder mit derselben Altersstruktur nicht auch wieder zum Sport bringen? Auf dem Fußballplatz oder gar im Schwimmbad ist das Infektionsrisiko deutlich geringer als in Klassenräumen.

 Januar 2020: die Handball-Mädchen des TuS Lintorf voll Euphorie.
Januar 2020: die Handball-Mädchen des TuS Lintorf voll Euphorie. Foto: Michael Wiesenhöfer

Dabei haben die Vereine noch im ersten Lockdown Hygienekonzepte erarbeitet und umgesetzt, die Materialien meist selbst finanziert. Nun steht das alles in geschlossenen Hallen. Zwar gibt es auch in der lokalen Politik Menschen, die sich kümmern, zum Beispiel mit der Idee eines Corona-Hilfsfonds, den Vereine auch tatsächlich beantragen können. Aber der Umstand bleibt: Warum der Amateur- und Breitensport pauschal und eben nicht nach Altersstruktur oder Infektionsrisiko geschlossen wurde, hat keiner erklärt. Seit inzwischen 105 Tagen.