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Christian Reinhardt und seine Familie sind Fans des FC Schalke 04

Serie: Fußballfans in Ratingen : Eine Schalke-Familie dank Oma Hilde

Ratingen ist eine fußballbegeisterte Stadt – mit breit gefächerten Sympathien. In unserer Serie berichten Anhänger unterschiedlicher Vereine über die Liebe zu ihrem Klub, ihre schönsten Fan-Erlebnisse, -Rituale und -Träume. Heute: Christian Reinhardt und der FC Schalke 04.

Wer Christian Reinhardt zu Hause besucht, kommt am FC Schalke 04 nicht vorbei. Von Magnet-Täfelchen über Bierdeckel und Flaschenträger bis hin zu Waschbeckenstöpseln trägt so ziemlich alles Erdenkliche die Farben und Wappen seines Lieblings-Klubs – darunter sind viele Unikate. „Alles, was der Fan-Shop nicht hergibt, haben wir selber gemacht“, sagt der 43-Jährige, „auch dank der Lackiererei des Autohauses.“ Mit „wir“ meint er seine Familie und mit dem Autohaus eines der früheren großen Ratinger Traditionsunternehmen. Und dessen Verbindung zu einem großen Traditionsverein des Ruhrgebietes wurde zu einer generationenübergreifenden Fußball-Leidenschaft.

Rückblende: In den 1960er-Jahren boomte die Automobilbranche ebenso wie der Fußballsport. Und während sich die Bundesliga gründete, hatte Christian Reinhardts Großvater Heinz bereits ein florierendes Autohaus am Stadionring aufgebaut. Sein Enkel erzählt: „Ein befreundeter Fotograf aus Lintorf hat Opa damals mit nach Schalke in die Glückauf-Kampfbahn genommen, wo sie ganz vorne, direkt am Platz saßen.“ Daraus entstand ein enger Kontakt zum Verein und seinen Protagonisten. So eng, dass irgendwann die ersten Spieler aus dem Ruhrpott im Ratinger Autohaus ihre Fahrzeuge kauften: die Nationalspieler Klaus Fischer und Rolf Rüssmann.

Zusätzlich wurde der Kontakt intensiviert, weil die Schalker seinerzeit vor Spielen in Düsseldorf immer Quartier in Ratingen machten. Dass aber alle Reinhardts endgültig die königsblauen Farben annahmen, dazu führte erst ein Unfall: Als Christians Großmutter Hilde mit dem Fahrrad stürzte, halfen ihr die in der Nähe trainierenden Schalker Spieler. Und da sagte auch sie: „Unsere Familie bleibt bei Schalke.“ Ein Motto, das von den Reinhardts nun in der vierten Generation gelebt wird. Christians Eltern Beatrix und Herbert „verpassen kein Spiel“, Sohn Justin ist seit seinem vierten Lebensjahr dabei. Alle sind Vereinsmitglieder.

Die Wochenenden werden traditionell nach den Spielen ausgerichtet. „In meiner Kindheit war der Samstag in Gelsenkirchen immer der Familientag“, erinnert sich Christian, „erst Schwimmen, dann Essen dann der Stadionbesuch.“ Bis aufs Schwimmen hat dieses Ritual vor Heimspielen bis heute Bestand: Im „Sportparadies“ neben der Arena sitzen die Reinhardts immer am gleichen Tisch, treffen dort immer die gleichen Leute. Dann gibt es ein paar Bierchen, dazu einen „Schimanski-Teller“ und dann geht’s rüber. Die Auswärts­spiele schaut man, wenn man nicht mitreisen kann, im ganz kleinen Kreis zu Hause. „In Ruhe“, wie Christian Reinhardt betont.

Bei der Frage nach dem spektakulärsten Fan-Erlebnis sagt er ohne Überlegung: „Mailand!“ In zwei aufeinanderfolgenden Jahren begleiteten Christian und sein Vater ihren Herzensverein zu Europapokal-Spielen in die norditalienische Metropole, beim zweiten Mal kamen sie als Uefa-Cup-Sieger zurück. „Und ich durfte fahren“, sagt Christian bittersüß lächelnd, „aber das war es mir wert!“ Besonders eindrucksvoll seien die Gastfreundschaft der Italiener und die friedliche Fußballstimmung in der Stadt gewesen. „Am Mailänder Domplatz hat man die Schalker auf deren Bitten hin in die Gaststätten und Häuser gelassen, um ihre Fahnen aufzuhängen. Da hat man irgendwann rundum unsere Vereinsfarben gesehen.“

Die kurioseste Geschichte ereignete sich ebenfalls auf einer Auswärtstour: „Da haben wir in Stuttgart auf einem Firmengelände geparkt, und als wir nach dem Spiel zurückkamen, war das Tor zu.“ Die Konsequenz: Die Rückfahrt konnte erst am nächsten Tag gestartet werden.

Den bittersten aller Schalke-Momente, die verpasste Meisterschaft 2001, erlebte er daheim vor dem Fernseher: „Ich war schon startklar für die Fahrt nach Gelsenkirchen, wo mein Vater im Stadion war, und meine Mutter hatte schon die Sektflasche in der Hand“ – doch dann machten die Bayern im Fernduell noch ein Tor... Ein herausragendes Stadion-Erlebnis der anderen Art, das die besondere Verbindung zwischen Lebensalltag und Fußball im Ruhrpott zeigt, verschafft Reinhardt noch heute eine Gänsehaut: „Als die letzte Zeche in Deutschland geschlossen wurde, sang letztmalig der Bergmannschor in voller Besetzung das ,Steigerlied’ auf dem Rasen unserer Arena. Das hat alles Sportliche nochmal getoppt“. Die aktuelle Krise des Klubs entlockt ihm indes wenig Begeisterung: „Ich wünsche mir zwar, dass Schalke ähnlich gestärkt daraus hervorgeht wie seinerzeit die Schwarz-Gelben. Realistisch gesehen werden wir nächste Saison aber nur um den Klassenerhalt spielen.“

Das ändert freilich nichts daran, dass im Hause Reinhardt die Vereinsliebe unter die Haut geht – und zwar buchstäblich, wie sein großes Unterarm-Tattoo mit dem Gründungsjahr 1904 beweist. Und von der zeitlosen Richtigkeit eines solchen Motivs ist Christian Reinhardt ohnehin vollkommen überzeugt: „Wenn ein Tattoo, dann ein Vereinswappen, denn die Vereinszugehörigkeit ist das Einzige, was ganz sicher bleibt.“ Eben so, wie es schon Oma Hilde sagte…