Andrej Fuchs, der neue Eishockey-Trainer der Ratinger Ice Aliens

Porträt : „Eishockey hat mich zurück ins Leben gebracht“

Der neue Trainer der Ratinger Ice Aliens hat früh seine Eltern verloren, einen Herzinfarkt und eine Scheidung überstanden, sich seinen Humor aber immer bewahrt. Der ehemalige Ratinger Erstliga-Spieler ist froh, wieder in der Dumeklemmerstadt zu sein.

Mit seinem dröhnenden Lachen kann Andrej Fuchs eine leere Eishalle vermutlich komplett füllen. Der neue Trainer der Ratinger Ice Aliens hat eine tiefe, raue Stimme, aus der die Jahrzehnte klingen, die sie in lauter Umgebung erschallt ist. Zu Ratingen hat er eine ganz besondere, innige Beziehung, und doch ist es nun eine Premiere für den 53-Jährigen, denn er ist zum ersten Mal Eishockey-Trainer in der Dumeklemmerstadt und soll die Aliens nun durch die neue Saison in der Regionalliga führen.

Geboren wurde Andrej Fuchs am 25. Juni 1966 in Ust-Kamenogorsk, einer Stadt mit heute rund 312.000 Einwohnern ganz im Osten von Kasachstan. „Für mich war das einfach immer die Sowjetunion – das war alles eins für mich. Ist es eigentlich immer noch. Auf der Arbeit habe ich auch alle möglichen Republiken vertreten“, sagt Fuchs. Er war schon seit vielen Jahren nicht mehr in seiner Geburtsstadt, das Leben in der Region, in der es viel metallverarbeitendes Gewerbe gab und die bei einem Atomunfall 1956 radioaktiv verseucht wurde, war alles andere als gesund. Unmittelbar bekamen Andrej und sein drei Jahre jüngerer Bruder Boris das spätestens 1990 zu spüren: „Unsere Eltern sind früh gestorben. Unsere Mama 1990, da war sie 55, unser Vater 1994 mit 60 Jahren“, erinnert sich Andrej Fuchs.

Ein Jahr nach dem Tod der Mutter wagten die Fuchs-Brüder den großen Schritt: Sie gingen von Torpedo Ust-Kamenogorsk nach Deutschland, der EC Ratingen, damals Zweitligist, war ihre erste Eishockey-Station im Ausland. Präsident des ECR war damals Georg Dommel, Trainer Valeri Vasiliev und Manager Walter Stadler, der später den Spitznamen „Wolga-Express“ bekommen sollte, weil er etliche Osteuropäer ins deutsche Eishockey lotste. „Die hatten sich damals die Frage gestellt, warum es so viele Deutsch-Kanadier im Eishockey gibt, aber so wenige Deutsch-Russen“, erzählt Fuchs und lacht. „Also ist Stadler nach Moskau gekommen und hat da unser Spiel mit Torpedo gegen Dinamo Moskau gesehen. Danach hat er meinen Bruder, mich und Alexander Engel nach Ratingen geholt. Da hatten wir plötzlich drei Sputniks hier“, sagt Fuchs und lacht wieder. „Wir sind eine deutsch-stämmige Familie“, ergänzt er dann wieder ernst. „Alle Verwandten wollten damals nach Deutschland. Man kann die deutschen Generationen im russischen Reich 300, 400 Jahre zurückverfolgen. Oder die Letten, deren Siedlungen im Zweiten Weltkrieg auseinandergenommen wurden und die dann in Lagern landeten – oder in Kasachstan.“

Andrej und Boris Fuchs schafften den Sprung nach Deutschland. Schwer sei es nicht gewesen, sich an das komplett neue Land zu gewöhnen. „Eishockey ist Eishockey“, sagt Fuchs und lacht. „Ich habe relativ schnell Freundschaften gefunden, auch mit Fans, es gab familiäre gegenseitige Besuche. Parallel habe ich angefangen, in der Jugendabteilung zu arbeiten und habe darüber auch die Eltern der Jugendlichen kennengelernt.“

Das Besondere an Ratingen: „Wir haben ganz oben gespielt, aber wir wurden in der Stadt erkannt, die Fans konnten uns immer ansprechen“, sagt Andrej Fuchs. Gemeinsam mit Boris stiegen er und der ECR 1992 in die Bundesliga auf, die Brüder stürmten und schossen Tore, für Ratingen erzielte Andrej Fuchs als linker Flügel 87 Tore und bereitete 151 vor, Boris Fuchs traf als rechter Flügel 117 Mal und gab 119 Vorlagen. Das Duo war stets ein Doppelpack, in der gesamten Spielerkarriere waren die Stationen dieselben. Nur einmal nicht: Andrej Fuchs absolvierte ohne seinen Bruder in der Saison 1995/96 drei Spiele für die deutsche Nationalmannschaft.

Die Brüder waren auch 1994 dabei, als der EC Ratingen als Ratinger Löwen eines der 18 Gründungsmitglieder der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wurde. „Boris wohnt bis heute rund 300 Meter von der Eishalle hier Am Sandbach entfernt“, sagt Andrej Fuchs und wedelt mit der Hand Richtung Fenster. „Ich bin damals ein bisschen umgezogen, war in Düsseldorf und Mettmann. 1995 bin ich dann auch nach Ratingen gezogen. Leider ist Ratingen 1997 nach Oberhausen gegangen“, sagt er mit einem schiefen Lächeln. Gegen den Willen der damaligen DEL-Mannschaft hatte der ECR die Lizenz an die Ruhrgebietsstadt verkauft und die Revierlöwen Oberhausen gegründet. „Das war keine Entscheidung, die wir als Mannschaft beeinflussen konnten“, sagt Fuchs und zuckt mit den Schultern.

Er ging nach dem Aus des ECR für zwei Jahre zu den Essener Moskitos, schloss sich danach noch ein Jahr den Revierlöwen an. „Dann wollten aber auf einmal alle auf eine kanadische Spielweise setzen“, sagt Fuchs und ergänzt trocken: „Im Preisverhältnis zwischen Osteuropäern und Kanadiern lagen damals Welten. Deswegen sind auch einige Klubs pleite gegangen.“ Etwa die Revierlöwen, die sich 2002 aus der DEL zurückzogen. Nach der Station Oberhausen ging Andrej Fuchs für zwei Jahre zum ES Weißwasser: „Nach Osten wieder mal“, sagt er und lacht dröhnend. „Ich war 34, und hier in der Nähe etwas zu finden, war unmöglich, also habe ich das Angebot aus Weißwasser angenommen. Danach ging meine professionelle Karriere aber zu Ende.“ Es folgten die Stationen Neusser EV, mit dem er in der Saison 2005/2006 ungeschlagener Meister der Regionalliga wurde, Herner EV und wieder Neuss, wo er ab 2008, als Boris Fuchs seine Karriere beendete, dann auch Cheftrainer wurde und fast ein Jahrzehnt blieb.

In diese Jahre fällt aber auch die schwerste Zeit im Leben von Andrej Fuchs: Im Oktober 2013 erleidet er einen Herzinfarkt. „Es war der 8.10. um 8.10 Uhr“, sagt er mit tiefer Stimme und schnaubt dann aufgrund des kuriosen Zufalls, dass am selben Abend die beiden wichtigsten Mannschaften in seinem Leben aufeinandertreffen und er die eine davon coachen sollte: „An dem Abend sollte ich mit Neuss gegen Ratingen spielen. Sie haben auch gespielt, nur ohne mich. Ich habe später eine große Karte mit Genesungswünschen unterschrieben von beiden Mannschaften erhalten. Die habe ich immer noch zu Hause.“ Noch heute nutzt er diese harte Erfahrung, um seinen Spielern zu verdeutlichen, dass sie Spaß am Spiel haben sollen, dass sie keine Angst vor einer Niederlage haben müssen – denn wie es ist, kurz vor dem Tod zu stehen, hat er am eigenen Leib erfahren. Das ist mit nichts zu vergleichen, was einem im Sport Angst machen könnte.

Was zu dem Infarkt geführt hat, erklärt Fuchs mit schonungsloser Offenheit gegen sich selbst, auch wenn nicht alles davon in die Öffentlichkeit gehört. Es gab die sportliche Belastung und die körperliche bei der Arbeit, familiäre und gesundheitliche Probleme. „Eine Scheidung kostet Geld, Nerven und Gesundheit“, sagt Fuchs. Die große Eigentumswohnung in Ratingen musste er verkaufen – weil es schnell gehen musste, deutlich unter Marktpreis.

Es war der Tiefpunkt, aber nicht das Ende. „Eishockey hat mich zurück ins Leben gebracht“, sagt Fuchs und ergänzt: „Man kann das nicht in Worte fassen. Du bist in der Eishalle wieder in deiner gewohnten Umgebung, in einem Sport, in dem du viele Erfolge hattest, Siege und Niederlagen. Und nach jeder Niederlage bist du wieder aufgestanden, immer wieder neu gestartet. Als Trainer siehst du, wie Dinge, die du dir vorstellst, klappen, und das baut dich auf. Und auch sonst kennst du viele Leute in der Halle, die dich unterstützen: mit Worten, einem Lächeln, mit allem. Neuss hat mich da wieder zum Leben erweckt. Und jetzt in Ratingen fühlt es sich an, als ob ich wieder nach Hause gekommen bin. Ich wollte immer mal Trainer in Ratingen werden und bin froh, dass es jetzt geklappt hat“, sagt Fuchs.

Es ging auf allen Ebenen wieder aufwärts, an seiner linken Hand ist ein Ring zu sehen. „Der Liebe Gott hat mir gezeigt, wie es in die eine Richtung sein kann, aber auch, wie es in die andere ist“, sagt Fuchs und lächelt. „Ich habe eine neue Frau, und sie ist ein Engel. Sie steht mir jederzeit zur Seite – und versteht auch noch was vom Eishockey.“ Tatiana heißt sie, und Fuchs erzählt lachend: „Du kommst nach Hause und denkst, sie hat was gekocht. Okay, vielleicht hat sie auch gekocht, aber sie sitzt da auf der Couch und guckt die russische Eishockey-Liga KHL und flucht, warum der Stürmer nicht schießt.“ Seine Augen strahlen, wenn er ins Schwärmen gerät. „Sie hat früher Luftgymnastik gemacht, Turnen in fünf Metern Höhe oder mehr. Sie versteht etwas von Sport und ist auch noch richtig intelligent. Sie war keine zwei Monate hier, da hatte sie den B1-Test in Deutsch schon bestanden und arbeitet jetzt als Bibliothekarin. Man sieht: Integration in Deutschland kann funktionieren.“ Neben Tatiana sind seine Tochter Valeria und sein Sohn Alexander diejenigen, die sein Leben bereichern und „jederzeit an meiner Seite waren“. Wie Bruder Boris zeit seines Spielerlebens.

Heute wohnt Andrej Fuchs in Kaarst-Büttgen, so hat es der Lagerleiter eines Logistik-Unternehmens nicht weit zum Arbeitsplatz in Düsseldorf-Heerdt. „Ich habe Vieles dem Eishockey zu verdanken“, sagt er und meint damit auch den Job: „In Neuss hat der Chef des Hauptsponsors vorgeschlagen, dass ich bei denen anfangen könnte. Ich habe gedacht, das mache ich ein halbes Jahr und danach bin ich eh ein großer Trainer der deutschen Nationalmannschaft“, sagt Fuchs lachend. Nein, das funktionierte nicht. „Das war ein kompletter Neuanfang für mich. Selbst ein 30-Jähriger schafft es nicht, Beruf und Eishockey auf hohem Niveau zusammenzuführen. Da hat mich der Vorstand des Neusser EV sehr unterstützt“, sagt Fuchs.

Wenn er nicht arbeitet oder in einer Eishalle steht, versucht er zu entspannen. „Ich gucke gerne Zeichentrickfilme“, verrät Fuchs und beeilt sich dann, die Betrachtung der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL und der russischen KHL in den Vordergrund zu rücken. „Aber ja: Zum Entspannen gucke ich Zeichentrickfilme. Die größte Entspannung finde ich aber bei Actionfilmen. Da braucht man nicht nachdenken und kann einfach einschlafen“, sagt Fuchs und erzählt: „Damals haben die Kanadier und Amerikaner den Film ,Stirb langsam’ mit Bruce Willis im Bus gezeigt, in Originalsprache. Als ich das gehört habe, habe ich gedacht: Ich spreche ja gut Englisch, denn jedes zweite Wort war ein Schimpfwort, das ich kannte.“ Und dann lacht Andrej Fuchs dröhnend, bevor es in die Eishalle zum Training geht. Man hat ihn vermutlich drinnen schon gehört.

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