Stadtgeschichte: So kam die Stadt zu ihrem Stadtrecht

Stadtgeschichte : So kam die Stadt zu ihrem Stadtrecht

Im Advent feiert die Stadt ihren Geburtstag. Die Stadterhebungsurkune, wertvollstes Pergament im Archiv, datiert vom 11. Dezember 1276.

Ob es heute Nachmittag beim Bürgermeister Kaffee und Kuchen gibt? Oder, ob er heute Abend die Besucher des Weihnachtsmarkts auf einen Glühwein einlädt? Angemessen wäre beides, denn „seine“ Stadt hat in diesen Tagen Geburtstag. Nun ja, es ist der 743. und kein runder. Aber – man soll doch die Feste feste feiern, wie sie fallen. Und vielleicht auch das, was bei einem ordentlichen Geburtstagsfest so üblich ist, nicht ausfallen lassen: über die alten Zeiten reden.

Im Ratinger Stadtarchiv wird die Stadterhebungsurkunde aufbewahrt, mit der die politische Karriere des einstigen Pfarr- und Marktdorfes Hretinga oder Hratuga belegt ist. Die Stadterhebungsurkunde der Stadt Ratingen vom 11. Dezember 1276 ist die wertvollste Archivalie des Ratinger Stadtarchivs. Graf Adolf von Berg und seine Gemahlin Elisabeth gewährten den Einwohnern von Ratingen mit dieser Urkunde einige Privilegien (Steuerfreiheiten, Zollfreiheit im bergischen Herrschaftsgebiet). Ferner dürfen die Bürger acht Schöffen wählen, die Recht sprechen. Damit erhält Ratingen ein eigenes Stadtgericht und wird aus dem Bezirk des Landgerichts „In der Brück“ herausgelöst.

Während also hier schon der „Fortschritt“ eingeläutet ist, sammelt sich im benachbarten Dorf an der Düssel noch das Treibholz auf dem Rhein zum Bau Düsseldorfs, das erst zwölf Jahre später Stadtrechte bekommt. Die entsprechende Urkunde ist leider nicht mehr vorhanden.

Anlässlich des Wettbewerbs für Kunst am Bau, der angemessene Deko ins neu erstandene Rathaus-Foyer bringen sollte, hat sich die Künstlerin Gabriele Horndasch vornehmlich mit dem Inhalt der Ratinger Urkunde auseinandergesetzt und eine interessante Lösung entwickelt. Dieser Entwurf ist wie die anderen derzeit im Museum zu betrachten. Er machte nicht das Rennen, brachte aber einen zeitlosen Text zutage. Und der – in Zusammenarbeit zwischen Archivleiterin Dr. Erika Münster-Schröer und der Künstlerin generiert, noch heute von ursprünglicher Kraft zeugt.

Der Rang einer Stadt brachte nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten mit sich, von denen die wichtigste die Befestigung des Ortes war. Bis etwa 1400 war ein Palisadensystem üblich, das aus Holz angefertigt wurde. Doch mit der Weiterentwicklung der Waffen ging man dazu über, steinerne Stadtmauern zu errichten. Zur Finanzierung der Anlagen erhielt die Stadt verschiedene Privilegien, vor allem die Zoll- und Steuerfreiheit. Ein besonderes Privileg war das Grütrecht, das 1341 verliehen wurde. Danach hatten die Bewohner des Amtes Angerland die Pflicht, die Grüt, eine Mischung von Kräutern, Getreidehülsen und Harz, für die Bierbereitung nur in Ratingen einzukaufen.

Mit der Stadterhebung wurde Ratingen auch mit einer eigenen Gerichtsbarkeit ausgestattet. Der Sitz des Scharfrichters für das gesamte Herzogtum Berg befand sich in Ratingen. Er musste nicht nur Hinrichtungen, sondern auch Folterungen vornehmen, wenn das Gericht ihn damit beauftragte. Um 1500 gab es mehrere Prozesse wegen der Anklage des Schadenszaubers in Ratingen. Sieben Frauen wurden verdächtigt, zwei von ihnen im März 1500 verbrannt. Und die Legende mit dem Hl. Suitbertus, dem bei der Christianisierung der Daumen eingeklemmt wurde, hatte mit Sicherheit mehr mit dem Job des Scharfrichters zu tun als mit aufmüpfigen Ratingern. Im Schutze seiner Mauern und Türme entwickelte sich Ratingen im Mittelalter zu einem blühenden Handwerkerstädtchen, sagt die Geschichte. Vor allem Schmiede und Scherenschleifer hatten sich hier niedergelassen und stellten Scheren, Pfeile, Messer, Zirkel, Hämmer, Feuerbüchsen und Schwerter her. Wirtschaftlich wohlhabend konnte sich Ratingen noch bis zum Ende des 15. Jahrhunderts gegen das nahe Düsseldorf behaupten. Die Zahl der Häuser und Hofstätten stieg (1472) auf 278, die Einwohnerzahl lag bei 1100. In dieser Zeit besaß Ratingen sogar eine eigene Münze.

Archivleiterin Dr. Erika Münster-Schroer zeigt das Original der Stadterhebungsurkunde Ratingen. Mit ihr begann sozusagen die politische Karriere des vormaligen Dorfes. Foto: Blazy, Achim (abz)
Diese Installation von Gabriele Horndasch mit Text und Handschrift-Video der Stadterhebung ist derzeit im Museum der Stadt an der Grabenstraße zu sehen. Foto: Blazy, Achim (abz)

Doch als Düsseldorf im Jahre 1511 zur Residenz und 1552 Landesfestung wurde, schwand die Bedeutung der Dumeklemmerstadt. Handel und Handwerk gingen im 16. und 17. Jahrhundert immer weiter zurück. Insbesondere der Dreißigjährige Krieg richtete große Schäden an. 1641 wurde die Stadt vollständig zerstört, die Einwohnerzahl betrug nur noch etwa 140. Mit der Industrieansiedlung wendete sich das Blatt.