Ratingen: Sehbehinderte kritisiert Krankenhaus

Ratingen: Sehbehinderte kritisiert Krankenhaus

Roswitha-Johanna Scherer beklagt mangelnde Hygiene, unfreundliches Personal und das Fehlen von Orientierungshilfen für Blinde.

An einem Samstagnachmittag wurde Roswitha Scherer (59) nach einem Fahrradunfall mit leichten Verletzungen ins Ratinger Marienkrankenhaus eingeliefert. „Ein anderer Radfahrer hat mich einfach umgenietet.“ Die stark sehbehinderte Frau hat nach ihrem Empfinden dort anderthalb schreckliche Tage verbracht: Man habe sie in ein enges Zimmer mit einer vermutlich dementen Patientin gelegt, „da lief die ganze Zeit der Fernseher, den ich nicht abschalten konnte“. Erst, weil sie keine Fernbedienung hatte, dann „weil diese defekt war“. Später habe ihr die Nachtschwester erzählt, „dass der Fernseher immer an ist, damit die Mitpatientin Ruhe gibt. Auf das wiederholte Klingeln der Bettnachbarin hat das Personal mit Verärgerung und gereizt reagiert.“

Scherers Handicap, ihre Sehbehinderung, sei ignoriert worden, sie fühlte sich „behandelt wie ein Wickelkind“. In dem engen Zimmer habe sie sich ohne Hilfe kaum zurecht gefunden. „Bis zum Abendessen war ich als hochgradig Sehbehinderte ohne jede weitere Info und Einweisung mir selbst überlassen. „Da ich unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom leide, kam dieses durch die Unfallsituation zum Tragen. Ich war nicht in der Lage, das Pflegepersonal zu kontaktieren, zumal mich der rauhe lautstarke Umgangston abgeschreckt hat.“

Was sie dann beschreibt, sind Hygienemängel: In der „kleinen engen dunklen Waschecke musste ich alles suchen und ertasten , fand keinen Lichtschalter, da das gesamte Pflegematerial der Mitpatientin dort ausgebreitet war und zudem stärkste Verunreinigungen aufwies … Im Waschbecken befand sich vom Abfluss bis zur Hälfte eine dunkle Verfärbung, von der ich ausgegangen war, das es Rost sein wird. Ich habe überhaupt keine Haken oder Ablagemöglichkeiten für meine Pflegematerialien gefunden, folglich fielen mir gleich mehrere Sachen auf den Boden , der völlig mit Haaren und Staubflocken extrem stark verunreinigt war, was ich durch die Sehbehinderung erst bei Tageslicht bemerkt habe.“

Auch das Duschen am nächsten Morgen war kein Vergnügen: Es war dort extrem eng und rutschig, der „Duschvorhang total versifft“. Über der Toilette „waren viele Vorrichtungen defekt, Haken und Verschlüsse aus der Wand gerissen, soweit ich das erkennen konnte.“ Nach dem Duschen war die Toilette total nass und meine Kleidung leider auch.“

Am Sonntag kamen ihr Mann und ihre Tochter zu Besuch. Die Tochter fragte sich, „ob das Bett draußen gestanden habe, da sich im Bett noch die Verunreinigungen von der Straße befanden, auf die ich gestürzt war. Auch meine von einem Arzt entfernte Gipsschiene und Verbandsmaterial blieb während des gesamten Aufenthaltes auf dem Zimmer liegen. Der Nachttisch, auf dem auch das Essen serviert wurde, wurde in der gesamten Zeit nicht einmal gereinigt.“

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Scherer ist im Ratinger Blinden- und Sehbehindertenverein – früher auch im Vorstand – und erklärt: „Sehbehinderte und Blinde sind auf eine akustische eindeutige, nachvollziehbare Kommunikation angewiesen, um Dinge des täglichen Lebens eigenständig durchzuführen zu können. Wir benötigen eindeutige Strukturen in Räumen, in denen wir uns aufhalten und bewegen, es muss alles seinen Platz haben und erreichbar sein. Werden wir wie Wickelkinder behandelt, wird uns jede Art von Selbstständigkeit und Sicherheit genommen.

Scherer hat sich an ihre Krankenkasse gewandt und der Klinik ihre Kritik ausführlich schriftlich mitgeteilt. Das Antwortschreiben der Klinik liegt der Redaktion vor. Darin räumt das Qualitätsmanagement des Sankt Marien-Krankenhauses ein, dass die sanitären Einrichtungen in die Jahre gekommen seien. „Sie sind bereits Bestandteil unserer kurz- bis mittelfristigen Bau- und Installationsmaßnahmen.“ Duschvorhang, defekte Vorrichtungen über der Toilette und Fernbedienung werde man überprüfen, die Beschwerde über mangelnde Sauberkeit des Bodens, des Bettes und des Nachttisches „werden wir an unseren Reinigungsdienst weiterreichen“. Was Scherer ärgert, ist ein anderer Teil aus den beiden Antwortschreiben: „In unserer Gesellschaft kommt die Sehbehinderung zwar häufig vor, unser Patientenklientel weist das jedoch nur äußerst selten auf.“ Scherer widerspricht. Sie kenne aus ihrem Verein mehrere Sehbehinderte, die sich ein besseres Leitsystem im Sankt-Marien-Krankenhaus wünschen würden.

Lothar Kratz, Sprecher der Krankenhausgesellschaft NW, sagt, dass „Inklusion ein riesiges Thema“ bei den Häusern sei. Eine gesetzliche Regelung, die Krankenhäuser verpflichtet, barrierefrei zu sein, gibt es nicht. „In neuen Häusern geben Bauvorschriften vor, dass alle möglichen Behinderungen zu berücksichtigen sind. Bei den alten Häusern aus den 70er/80er Jahren ist es sehr teuer, nachträglich Barrierefreiheit zu erreichen.“ In diesem Zusammenhang sagt er ganz klar: „Das ist ein finanzielles Problem: Das Land NRW stellt dafür zu wenig Geld zur Verfügung.“

Auch das Sankt Marien-Krankenhaus in Ratingen gehört zu den alten Häusern. Pressesprecher Martin Heinen legt Wert auf die Feststellung, dass sich das Krankenhaus bereits seit zehn Jahren vom Ratinger Blindenverein beraten lasse: Dann kämen Sehbehinderte ins Haus und würden den Mitarbeitern erklären, worauf sie beim Umgang mit ihnen achten sollen.

Sämtliche Kritikpunkte Scherers weist Heinen kategorisch von sich. „Alle durchzuführenden Reinigungsarbeiten wurden regulär und professionell nach dem bei uns im Haus etablierten „Hysyst-System“ (www.hysyst.com/system/) durchgeführt, wie die Prüfung der entsprechenden Dokumentation eindeutig ergab. Anderweitige Vorwürfe und Behauptungen müssen unsererseits auf Basis der vorliegenden Fakten in aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden.

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