Interview mit René Schubert: Retter wollen aus "Ela" Lehren ziehen

Interview mit René Schubert : Retter wollen aus "Ela" Lehren ziehen

Der Feuerwehrchef spricht über seine Eindrücke aus dem Sturmeinsatz - und darüber, was die Feuerwehr daraus lernt.

Drei Wochen ist es her, dass "Ela" schwere Schäden in Ratingen anrichtete. Für die Feuerwehr waren die Tage danach eine besondere Herausforderung, wie Feuerwehrchef René Schubert berichtet.

Herr Schubert, träumen Sie eigentlich mittlerweile vom Geräusch einer Kettensäge?

René Schubert Nein. Da ich überwiegend im Stab, der als technische Einsatzleitung die über 900 Einsätze in Ratingen geführt hat, tätig war, habe ich kaum Kettensägen gehört. Es ist derzeit eher so, dass ich traumlos das Schlafdefizit der vergangenen Tage aufhole.

Wann haben Sie das erste Mal registriert, dass dieser Sturm anders ist als alles andere vorher?

Schubert Entsprechend unseres Gefahrenabwehrplans für Flächenlagen wurde ich als in Rufbereitschaft befindlicher Einsatzführungsdienst A von meiner Einsatzzentrale über die hohe Sturmwarnstufe vor dem Unwetter informiert. Aufgrund der Eindrücke, die der Sturm Ela in den ersten Minuten hinterließ, habe ich mich vor Alarmierung entschieden, die Hauptwache anzufahren. Da war der Sturm aber schon so heftig, dass ich mehrere umgestürzte Bäume umfahren und einen Teil der Brachter Straße beispielsweise auf dem Radweg befahren musste. Später meldeten mehrere Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr, zunächst die Gerätehäuser frei schneiden zu müssen, um ausrücken zu können. Dass der Sturm die Dimensionen von Kyrill 2007 übersteigen könnte, wurde mir aber erst am folgenden Tag im Stab deutlich. Rückblickend waren die Einsatzzahlen 50 Prozent höher als bei Kyrill.

Gibt es besondere Eindrücke aus den vergangenen Tagen, die Sie mitnehmen?

Schubert Ja, die unglaubliche Motivation der Mitstreiter meiner Feuerwehr, in den Einheiten, der Einsatzzentrale und im Stab, aus Ehrenamt und Hauptamt, ist ein sehr intensiver und bleibender Eindruck. Viele Kräfte waren mehrere Tage im Einsatz. Unsere Schlagkraft, unterstützt durch die angeforderten externen Feuerwehr- und THW-Einheiten wie auch die Hilfsorganisationen, ist maßgeblich für den Einsatzerfolg gewesen.

Kann eine Feuerwehr auf so ein Ereignis überhaupt immer vorbereitet sein?

Schubert Ja. Neben ausreichender Ausstattung und vor allem einer hohen Dichte gut qualifizierten Personals sind insbesondere die trainierte Führungsgruppe und der Informations- und Kommunikationszug, die nach dem genannten Gefahrenabwehrplan Flächenlagen tätig wurden, wesentliche Elemente. In deren Tätigkeitsbereich befindet sich die Achillesferse der Abläufe, da alle Einsätze durch den Stab priorisiert und disponiert werden müssen. Das hat erheblich besser als bei Kyrill funktioniert. Trotzdem gab es gerade in den ersten Stunden Verzögerungen, bis alle Einheiten Einsatzaufträge hatten. Ursächlich war hier primär, dass die Mitglieder des Stabes durch den intensiven Sturm nur sehr verzögert zur Wache kommen und tätig werden konnten. Zukünftig muss daher insbesondere der Stab noch früher alarmiert werden.

Gibt es Lehren, die Sie aus diesem Ereignis ziehen?

Schubert Bezüglich des Zeitpunktes der Alarmierung des Stabes werden wir den Gefahrenabwehrplan Flächenlagen kritisch prüfen. Ebenso werden wir die Nutzung der Führungssoftware der Einsatzleitung auf Basis der gemachten Erfahrungen weiter optimieren. Und eine erweiterte Vorhaltung auch besonders leistungsstarker Kettensägen lasse ich prüfen. Die Ausstattung der Freiwilligen Feuerwehr ist bei einigen Kleidungsstücken zu verbessern, um mehrtägige Lagen gesichert durchführen zu können. Neben den drei Drehleitern der Feuerwehr wurden auch verschiedene Hubarbeitsbühnen der Stadtwerke und des Amtes für kommunale Dienste außerhalb derer Arbeitszeiten durch die Feuerwehr genutzt. Hier ist zukünftig eine bessere Ausstattung oder frühzeitige Anmietung derartiger Geräte erforderlich. Ähnlich wie mit Jahrhunderthochwassern ist erkennbar, dass extreme Wetterlagen häufiger werden in unseren Breiten.

Es gab viele positive Rückmeldungen aus der Bürgerschaft.

Schubert Ja, eine Vielzahl von Dankesmeldungen hat uns erreicht. Und obwohl wir keine so umfassende Pressearbeit wie sonst leisten konnten, haben die regelmäßigen Berichte auf unserer Facebook-Seite wie auch unserer Homepage die Zugriffszahlen nahezu explodieren lassen. Einige Familien haben sogar Kuchen und Getränke zu den Einsatzkräften gebracht. Auch Arbeitgeber haben ehrenamtliche Kräfte für den Einsatz freigestellt.

Erschreckend ist aber, dass sich kaum jemand an abgesperrte Grünanlagen oder Wälder hält.

Schubert Ja, bedauerlich und gefährlich. Wegen dieser Situation wurde zum Beispiel der Erholungspark vergleichsweise früh durch ein großes Kontingent Einsatzkräfte so geräumt, dass nur noch geringe Gefahrenpotenziale vorhanden sind.

Wie lange bestehen Ihrer Meinung noch Gefahren durch Äste und Bäume?

Schubert In den Wäldern wird die Gefahr noch wochenlang vorhanden sein. Später rechne ich wegen des Bruchholzes mit einer deutlich erhöhten Waldbrandgefahr.

Wolfgang Schneider stellte die Fragen.

(wol)
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