Ratingen. Urkunden erzählen Geschichte

Ratingen : Das älteste Gasthaus war nie eine Kneipe

Das erste Gasthaus der Stadt war etwa so alt wie die Stadt selbst. Urkundlich ist seine Gründung allerdings nicht mehr nachzuweisen.

„Die Versorgung von Alten und Kranken war in Mittelalter und früher Neuzeit schwierig“, sagt Stadtarchivarin Erika Münster-Schröer. Dennoch wird aus erhaltenen Urkunden deutlich, dass diese Versorgung schon seit dem 13. Jahrhundert als öffentliche Aufgabe verstanden und auch umgesetzt wurde.

Otto E. Redlich umriss das in seinen 1928 erschienenen „Quellen zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte“ so: „Das Gasthaus zum Hl. Geist wird man ebenso wenig wie die Siechenhäuser als eine städtische Einrichtung bezeichnen können, denn es ist wie jede vermutlich von Bürgern gestiftet worden. Aber es bildete doch gewissermaßen einen Teil der städtischen Verwaltung.“

Das zeigt sich auch in den sehr formellen Abläufen, die die Versorgung des Hauses sicherstellen sollten. Redlich: „Bürgermeister, Schöffen und Rat legen ein neues Rentbuch und Register des Hospitals an, sie verkaufen eine Rente aus städtischen Gefällen, die von den Brüdermeistern des Hospitals verwaltet wird, und aus dem Schöffen- und Ratskolleg werden die Gasthausmeister und Armenprovisoren gewählt. Diese hatten auch vor der Stadtobrigkeit Rechnung zu legen. Im wesentlichen diente das Gasthaus nicht den Zwecken der Krankenpflege, sondern der Versorgung der Armen.“

„Hohe Sterblichkeit wurde als gottgegeben hingenommen“, kommentiert Münster-Schröer. „Hier spielte das Gasthaus eine wichtige Rolle.“ Bei Pestkranken seien die Möglichkeiten jedoch an Grenzen gestoßen: „Sie mussten isoliert werden, die meisten starben.“

Wie Otto Redlich in seiner „Geschichte Ratingens“ schreibt, führt das alte Stadtbuch von 1362 bereits das Heilig-Geist-Haus (casa sancti spiritus) an der Oberstraße auf. Es habe unmittelbar gelegen am Obertor an der Stelle, an der im 20. Jahrhundert das inzwischen längst abgerissene katholische Krankenhaus stand.

Der Komplex bestand aus Armenwohnungen, Kapelle und einer Wohnung für den Hospitalrektor. Alle Gebäude, so Redlich, brannten 1565 vollständig ab.

„Und auch die Urkunden des Gasthauses, der Stiftungsbrief, die Rentenrollen und Register wurden ein Raub der Flammen.“ Ein Neubau entstand bis 1611, dann allerdings ohne Kapelle und Rektorhaus. Die Kapelle wurde erst ab dem Jahr 1700 wieder neu errichtet.

Das Gasthaus an der Oberstraße um 1900. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Im Hintergrund zu sehen ist das Türmchen der Kapelle. Foto: RP/Stadtarchiv Ratingen
Ein Blick in die beliebte Oberstraße, die zum historischen Innenstadtkern gehört. Foto: Blazy, Achim (abz)

Otto Redlich erläutert in seiner Stadtgeschichte auch Herkunft und Bedeutung des Namens „Gasthaus“ – der stark vom heutigen Sprachgebrauch abweicht. „Des hl. Geystes Hospitaell und Gasthuys“, so eine alte Schreibweise, verdankt seine Bezeichnung dem Umstand, „dass man im hl. Geist, wie es in dem mittelalterlichen Kirchenhymnus ,Veni sancte spiritus’ heißt, den ;Vater der Armen’, den ,Spender der Gaben’, den ,lieben Gast der Seele’, den Arzt für alle leiblichen und geistigen Gebrechen erblickte, überhaupt in ihm die Verkörperung der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit sah.“

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