Ratingen. Stadtbibliothek wird 100

Ratingen : 100 Jahre Bibliothek: Stationen einer Idee

Im Dezember 1919 entschloss sich der Rat, ein Geschenk anzunehmen. Im Herbst blickt man im Medienzentrum auf das Jahrhundert zurück.

Der Rathaus-Umzug bringt auch für das nahe Medienzentrum eine Umstellung mit sich. Das Bürgerbüro, mittlerweile im siebten Jahr am Peter-Brüning-Platz in der Zentrale der Stadtbücherei untergekommen, wird wieder ausziehen. Ende eines Provisoriums. Das Datum steht noch nicht. Ein anderes schon, das für das Medienzentrum ebenso bedeutsam ist: Die Stadtbibliothek wird in diesem Jahr 100 Jahre alt.

So sah es Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Jugendbücherei an der Bahnstraße aus. Foto: RP/Stadtarchiv Ratingen

Das Programm für eine Feierwoche im Herbst hat Leiterin Dr. Erika Münster-Schröer schon vor Augen. „Fraglich ist nur, ob wir dann hier im Umbau stecken“, sagt sie. Denn der kommt zum Jahresende bestimmt. Im Foyer – und im Freiraum des aktuellen Bürgerbüros – soll unter anderem das entstehen, was Münster-Schröer einen „digitalen Begegnungsraum“ nennt. Das Projekt ist durchgeplant und (auch mit Landesgeld) finanziert, fragt sich nur noch, wann der Startschuss fällt. Zwischen freiem Wlan , Demo-Drei-D-Drucker, einem Bereich mit dem schönen Namen „Maker Space“, Mit elektronischen Spiel- und Arbeitsangeboten möchte man allerdings nicht einem blinden Digitalisierungswahn verfallen. Aktuell sein im gefragten Bereich schon.

Bahnstraße 10 -12. Hier war über Jahrzehnte der Standort der Stadtbücherei, Umzüge folgten. Das Medienzentrum öffnete 1991. Foto: Blazy, Achim (abz)

Aber: „Schon Kinder lernen, dass Maschinen nur das können, was Menschen ihnen beibringen“, so formuliert es Münster-Schröer. Nimmt man den Bereich des Lesecafés dazu – in dem es möglichst auch wieder eine Bewirtung geben soll – wird der Rahmen noch weiter gespannt: Lesungen seien das eine, Gaming und Roboting aber Themen, denen man sich nicht verschließen wolle. Der Auftrag bleibt: Bildung und Unterhaltung.

Mit dieser Erkenntnis knüpft die Chefin im Medienzentrum exakt wieder an den Anfangspunkt der Büchereigeschichte in Ratingen an. Der lässt sich mit einer markanten Zahl festmachen: Es begann mit 178 Büchern. Im Stadtratsprotokoll vom 12. Dezember 1919 heißt es: „Das Angebot des Bergischen Vereins für Gemeinwohl (Ortsgruppe Ratingen), seine Bibliothek der Stadt kostenlos zu übergeben, falls die Stadt den Gedanken verwirklicht, eine städtische Bibliothek einzurichten, wurde angenommen.“ Es handelte sich konkret um die Bestände, mit denen am 1. April 1906 auf Initiative des Rektors Adam Joseph Cüppers die Bücherei des Bergischen Vereins für Gemeinwohl eröffnet worden war.

Zeitweise auch Büchereiadresse: das Bürgerhaus (hier 1971). Foto: RP/Stadtarchiv Ratingen

Es war der Historiker und Archivmitarbeiter Dr. Volker van der Locht, der bereits vor 20 Jahren Grundzüge der Bibliotheksgeschichte in der Stadt recherchiert und publiziert hat. Ihm zufolge hatte der Stadtrat zunächst nicht mehr als eine Absichtserklärung auf den Weg gebracht. Umgesetzt wurde zunächst nichts. „Dagegen sprach die politisch unsichere Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Die durch die Novemberrevolution, den Kapp-Putsch und die französische Besatzung bedingten Wirren – wie Beschlagnahme von öffentlichen Gebäuden für die Unterbringung von Soldaten – hatte zur Folge, dass keine geeigneten Räume für die Bücherei vorhanden waren.“ So schildert es van der Locht.

Die folgenden Jahrzehnte, bis 1991 das Medienzentrum eröffnet wurde, waren auch eine Geschichte der denkbar unterschiedlichsten Adressen. Zur Bücher-Ausleihe ging man 1925 ins damalige Vorzimmer des Stadtverordnetensitzungssaals. Während der Nazizeit war die Bücherei zunächst im Rathaus, dann an der heutigen Bahnstraße untergebracht. 1967 erfolgte der Umzug an die Minoritenstraße, dann kam der Umzug ins Bürgerhaus am Markt.

In den bald wieder neu zu entdeckenden Räumen wird sich eines nicht ändern: Bücher sollen das Bild prägen. „Die Ausleihen sind seit Jahren in den Bereichen Belletristik und Jugendbücher konstant“, sagt Münster. Was sie außerdem froh stimmt: „Allein im Jahr 2018 haben wir 300 neue Leseausweise an die jüngsten Leser (bis sechs Jahre) ausgestellt.“ Kitagruppen kommen gern. Deutliche Rückgänge sind allerdings bei den jüngeren erwachsenen Nutzern zu verzeichnen. Minus 30 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Die mit Abstand größte Gruppe der Leserschaft gehört in die Altersgruppe über 50 Jahre.

120 Arbeitsplätze bietet das Medienzentrum aktuell. Und auch hier gibt es eine erfreuliche Beobachtung. „Speziell zu Zeiten der Abiturprüfungen finden sich hier kaum bis gar keine unbesetzten Plätze“, hat die Chefin festgestellt.

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