Ratingen: Pflegefamilie mit Herz und Verstand

Wirtschaft: Pflegefamilie mit Herz und Verstand

Erst kurz vor dem Einstieg in den Pflegeservice seiner Mutter entschied sich Matthias Leppich dafür, diesen zu übernehmen.

Wenn Ursula Leppich in den vergangenen Jahren bei ihren Patienten saß, hörte sie sich immer wieder gerne deren Lebensgeschichten an – oder zumindest so viel davon, wie die Zeit jeweils zuließ. Dabei hätte die 65-jährige Gründerin des Pflegeservice Vierjahreszeiten in Wülfrath selbst eine spannende zu erzählen: Von einer examinierten Krankenschwester, die sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbstständig machte und Stück für Stück in die Leitung eines mittelständischen Unternehmens hineinrutschte. Und eine, die vom Plan der Veräußerung des Lebenswerks handelt, die dann doch noch eine glücklichere Wendung nimmt.

„Ich hatte nie den Plan, einen Pflegedienst zu gründen“, sagt Ursula Leppich zurückblickend. „Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern ging es mir lediglich darum, deren Großwerden adäquat begleiten zu können und trotzdem Geld zu verdienen. Der Schichtdienst im Gesundheitswesen hätte das überhaupt nicht zugelassen.“ So begann sie Anfang der 1990er Jahre mit zwei Patienten, verhandelte selbst mit den Kostenträgern und konnte überwiegend vom heimischen Wohnzimmer aus arbeiten. Schon bald wuchs die Klientel auf fünf, Unterstützung bekam Leppich im Laufe der Jahre durch eine Freundin und ihre Schwägerin. „Die Arbeit mit den Menschen hat mir immer Spaß gemacht und ich war stolz, dass ich alles unter einen Hut bringen konnte.“ Als die Kinder dann groß – aber noch nicht alle aus dem Haus – waren, wurde es Zeit für eine Veränderung. Leppich nutzte die Erfahrung aus ihrem kontinuierlich gewachsenen Pflegedienst, um 1999 mit sechs Mitarbeitern den Pflegeservice Vierjahreszeiten zu gründen. Mit einer klaren Wachstumsstrategie und Patienten in den Städten Wülfrath und Mettmann. Der Plan ging auf und heute zählt ihr Betrieb 45 Mitarbeiter, darunter zwei Auszubildende.

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Mit dieser Ausgangslage stand Ursula Leppich also vor der Frage, wie sie ruhigen Gewissens in Rente gehen könnte. Allen drei Kindern hatte sie immer wieder die Übernahme angeboten. Letztendlich schien der Verkauf nach extern die einzige Option und bei den Verhandlungen spielten die Perspektiven für die Mitarbeiter und Patienten die wesentliche Rolle. Dann kam doch noch „der Jüngste“ auf die Idee, die Integration in einen Konzern zu verhindern. „Dafür gab es eigentlich gar keinen einzelnen ausschlaggebenden Punkt“, erklärt Matthias Leppich. „Ich machte mir gerade – nach zwölf Jahren als praktizierender Physiotherapeut – Gedanken über meine berufliche Langzeitperspektive. Und weil ich während meiner Ausbildung schon mal eine Übernahme des Pflegeservice meiner Mutter erwogen, dann aber verworfen hatte, floss diese Option doch wieder  in meine Überlegungen ein.“

Auch wenn die berufliche Laufbahn des Triathleten bisher von den Leidenschaften Sport und Bewegung geprägt war, so war die Nähe zur Gesundheitswirtschaft doch immer vorhanden. „Und letztendlich hatte ich ein ungutes Bauchgefühl, das Lebenswerk meiner Mutter an einen großen Pflegedienst zu verlieren.“ Im Verantwortungsgefühl für Mitarbeiter und Patienten entschloss sich der 36-Jährige für eine berufliche Veränderung, begann das Pflegemanagementstudium an der FOM Essen, stieg im April 2018 in das Familienunternehmen ein und wurde kurze Zeit später Geschäftsführer. Wirtschaftlich ist der Pflegeservice Vierjahreszeiten noch nicht an ihn übertragen, aber der Verkauf innerhalb der Familie soll in den nächsten drei Jahren erfolgen. Mutter Ursula wird noch einige Zeit im Hintergrund mitwirken und als Beraterin wertvolle Dienste leisten. „Ich bin sehr froh, dass es jetzt so gekommen ist und vor allem, dass die Mitarbeiter Matthias sehr positiv empfangen haben und ihn als Chef akzeptieren und respektieren.“

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