Ratingen-Hösel: Eine ehemalige Akteurin, die um einen Jugendtreff gekämpft hatte, erinnert sich mit dem ersten Leiter an den holprigen Start.

Jugend : 40 Jahre JUZ – von Plumpsklos und Ravioli

Eine ehemalige Akteurin, die um einen Jugendtreff gekämpft hatte, erinnert sich mit dem ersten Leiter an den holprigen Start.

Ganz bescheiden hatte alles seinen Lauf genommen, damals, im Februar 1979: In einem alten Baucontainer an der Bahnhofstraße 98 entstand ein erster Treffpunkt für die Höseler Jugend. 40 Jahre später ist das JUZ in einem Neubau untergebracht und nach wie vor Anlaufstelle Nummer Eins für die jungen Menschen im Stadtteil.

Die vielen alten Zeitungsausschnitte aus der RP sind mittlerweile vergilbt, der dicke Ordner, in dem Veronika Hutmacher blättert, zeugt davon: Das Jugendzentrum Hösel hat eine lange und teils aufregende Geschichte. „Guck’ mal, kennst du den noch?“ fragt die derzeitige JUZ-Leiterin einen ihrer Vorgänger, Jochen Celler, und zeigt auf einen jungen Mann: „Das ist doch der, na, wie hieß der noch gleich?“ Celler lacht, nimmt einen Schluck Kaffee, kann aber keinen Namen zuordnen. Es waren zu viele Besucher.

Erinnert sich noch jemand? Das Bild aus dem JUZ-Archiv zeigt eine Kinder- und Jugendgruppe Ende der 80er Jahre. Foto: Blazy, Achim (abz)

Ende der 1970er Jahre machten sich ein paar Jugendliche dafür stark, einen Treffpunkt zu etablieren. Darunter war auch die damals 17-jährige Andrea Kornak. „Davor hatten wir uns immer im evangelischen Gemeindehaus getroffen, aber dann wurde der liberal ausgerichtete Pfarrer Henke von einem sehr engstirnigen Pfarrer abgelöst, der Katholiken als böse Versuchung betrachtete und das ökumenische Treffen unterband.“ Politische Unterstützung von dem CDU-geprägten Hösel habe es damals nicht gegeben, erst durch die Unterstützung einer SPD-Politikerin sei das Projekt Jugendtreffpunkt ins Rollen gekommen. „Letztlich aber ließen sich dann auch die anderen Politiker davon überzeugen, dass nicht nur Mittel für den Friedhof, zur Verfügung gestellt werden sollten, sondern auch für unseren Treffpunkt.“

Veronika Hutmacher leitet aktuell das Jugendzentrum in Hösel. Foto: Blazy, Achim (abz)

Am ersten August 1980 wurde Jochen Celler zum städtischen JUZ-Leiter berufen, nur wenige Wochen später brannte der Baucontainer vollständig ab. „Als Notunterkunft diente dann ein Raum im Gemeindehaus“, erinnert sich der heute 65-Jährige. 1981 wurde ein neues Gebäude auf das Sockelfundament des abgebrannten Containers gebaut.

An der Bahnhofstraße, etwas versteckt bei der Johanniter Unfallhilfe, liegt das JUZ fast mitten im Grünen. Foto: Blazy, Achim (abz)

Vor allem der offene Sonntag zog die Teens in Scharen an. „Wir haben dann angefangen, Zeltferien anzubieten, das war vielleicht ‚ne Sache für sich“, erzählt Celler. Denn: „Mütter und Väter aus dem reichen Hösel hatten Bedenken, ihre Kinder mitfahren zu lassen, weil ihnen die Reisen zu günstig erschienen, um gut sein zu können. 300 Mark für zwei Wochen, das kann doch wohl nix sein, meinten sie. Und als sie dann noch erfuhren, dass es auf dem Campingplatz im Odenwald nur Plumpsklos gab, war das Geschrei groß. Aber letztlich hatten die Kiddies immer viel Spaß an dieser spartanischen Urlaubsform, bei der wir übrigens stets ein besonderes Ritual zelebrierten: Am ersten Tag gab es immer Ravioli aus der Dose.“

14 Jahre blieb Jochen Celler. Es war eine schöne Zeit, sagt er heute, aber als dann das Angebot kam, in die Manege nach Lintorf zu wechseln, fackelte er nicht lange. „Man braucht auch mal was Neues und witzigerweise wurde dann der ehemalige Leiter von der Manege, Günter Ostermann, hier im JUZ eingesetzt. Wir haben quasi getauscht.“ Ostermann blieb bis 2007, übernahm Vieles von seinem Vorgänger: Fußballmannschaft, Filmabende bei Bockwurst und Kartoffelsalat, Foto- und Bastelgruppen, Hausaufgabenbetreuung.

2009 kam der Abriss des mittlerweile vergammelten Gebäudes. Mit dem Neubau von 2011 aber hat das Jugendzentrum eine geräumige, eineinhalbgeschossige Bleibe gefunden, mit Billardtisch und Wohnlandschaft, Dartspiel und Chillecke sowie einer Kochküche.

Seit 2007 ist Veronika Hutmacher „Chefin“. Täglich kommen rund 20 Kinder und Jugendliche. „Klar hängen einige mit dem Smartphone ab, aber wenn wir ihnen Alternativangebote machen, nehmen sie die alle freudig an“, weiß die 47-Jährige.

Ob Liebeskummer, Ärger mit den Eltern, Mobbing in der Schule – Hutmacher und ihre Kollegen sind mehr als städtische Mitarbeiter, die Dartpfeile ausgeben. Hutmacher: „Viele Kinder sagen: Ihr seid die Eltern, die wir nicht haben, und das hier ist unser Wohnzimmer. Denn tatsächlich ist es so, weil ja viele Eltern arbeiten sind oder aus anderen Gründen keine Zeit haben.“

Künftig, da ist sich Jochen Celler ganz sicher, werde die städtische Jugendarbeit noch mehr an Wichtigkeit gewinnen. „Ich denke, es wird bald zu einer Überfrachtung kommen, dann werden sich die Kinder abwenden von Computer und Handy, denn sie brauchen die sozialen Kontakte, das Gemeinschaftsgefühl.“

Mehr von RP ONLINE