An(ge)dacht Nicht allein!

Ratingen · Thomas Gerhold, Pastor der Friedenskirche in Ratingen Ost, berichtet von Gesprächen mit Menschen in Israel, die er kürzlich besuchte.

 Pfarrer Thomas Gerhold

Pfarrer Thomas Gerhold

Foto: Achim Blazy (abz)

Das war neu. Am letzten Wochenende gehe ich spät schlafen mit der gerade noch auf dem Handy empfangenen Nachricht: „Der Iran hat massenweise Raketen auf Israel losgeschickt. Sie fliegen und sind unterwegs.“ Wie kann man da schlafen? Vor allem in Israel.

Dort war ich kurz vor Ostern eine Woche eingeladen zu Gesprächen mit dem Thema „Hoffnung stiften“. Wie kann man dort leben? Wie geht das, Hoffnung stiften? Zuerst hat mich überrascht, wie sehr sich alle Gesprächspartner, ob jüdische oder palästinensische Vertreter, ob Freunde oder Bekannte, ob Initiativen vor Ort oder eine alte Dame im Bus auf der Rückfahrt – sie freuten sich alle, dass wir gekommen sind aus Europa, mitten im Krieg. Denn die sonst so belebte und quirlige Altstadt und die heiligen Orte sind fast menschenleer in Jerusalem. Es tut gut, wenn Freunde in schwieriger Situation zu Besuch kommen und fragen, wie es geht, was Sorgen macht und überlegen, wo Hoffnung zu finden ist. Das drückt aus, dass uns ihr Schicksal interessiert.

Mich haben die Gespräche berührt wie die Orte, die wir aus den Medien kennen. Plötzlich stehst du auf dem Gelände des Festivals, wo junge Leute zu lauter Musik tanzten und feierten, bis sie von Terroristen wie Kaninchen gejagt, getötet oder gefangen wurden. Der Regen hat dem Ort mit dem grünen Gras ein freundliches Gesicht gegeben. Mir tut gut, dass hier alle Besucher und Angehörigen leise reden und sich langsam bewegen. Meine Seele braucht hier mehr Zeit als sonst, um anzukommen, sich zu verbinden mit dem, was hier passiert ist.

Eine Stunde später sitzen wir im Garten von Rumi in dem wunderschönen Kibbuz, der unmittelbar an der Nordgrenze zu Gaza liegt. Hinter dem Grenzzaun geht der Krieg weiter. Wir hören Donner und sehen Rauch aufsteigen. Der Rasen müsste geschnitten werden. Das ist unwichtig. Rumi erzählt, wie sie sich am 7. Oktober versteckt hat, wie Nachbarn getötet und Häuser brutal verwüstet wurden. Sie sagt am Ende trotzdem einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Pro Israel – pro Palästina – pro Frieden. Es gibt keinen anderen Weg.“ Sie will zurückkehren in den Kibbuz, wenn es möglich ist.

Die Raketen auf Israel konnten abgefangen werden. Das war die gute Nachricht, die ich am Morgen danach lese. Zum Glück. Was kommt noch? Wie geht es in Europa weiter? Wir wissen es nicht.

Mir hilft das, was Alexander Nawalny seinem Haftrichter sagt. Denn Nawalny war Christ. Ich wusste das lange nicht. Er sagt: „Sie sperren mich ein in Einzelhaft und denken, ich sei einsam. Dass bin ich aber nicht. Gott ist bei mir! Wir sind nicht allein. Gott ist bei uns. Egal, was kommt und auch passiert.

(tg)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort