Ratingen: Diese Prinzessin macht anderen Leuten Beine

Karneval : Prinzessin macht anderen Leuten Beine

Traudel Liptow wollte schon als Sechsjährige Prinzessin werden — aber nicht durch Heirat.

„Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft“, texteten „Die Toten Hosen“. Das war im Jahr 1993. Traudel Liptow aber wünschte sich schon mit gut sechs Jahren etwas ganz doll: Sie wollte irgendwann Prinzessin werden. Nicht durch Heirat, sondern durch Karneval. Jetzt ist sie 66 Jahre alt und es hat tatsächlich geklappt. Sie ist Karnevalsprinzessin in Ratingen an der Seite von Single-Prinz Thomas Woywood, heißt auch hier nicht Gertraud – sondern ebenfalls Traudel und hat eine richtig lange Session vor der Brust.

Wünschen hilft also – ob nun himmlische Mächte dran drehen oder irdische Ausschüsse ihre Finger im Spiel haben. Man muss sich auch schon etwas tummeln. Das hat Traudel zeitlebens getan.

Vom ersten erinnerlichen Kostüm – einem maßgeschneiderten Rotkäppchen-Gewand für die Sechsjährige – bis zum heutigen, dem traditionell blau-weißen, abendkleid-artigen Modell waren bei entsprechender Jahreszeit alle Sinne auf jeck eingestellt. Damals, im Sauerland, wo sie 1951 geboren ist, bis heute, in Breitscheid, wo sie nicht nur in der direkten Nachbarschaft als echte Karnevalistin bekannt ist.

Zum Überfluss allerdings neigt die neue Prinzessin keinesfalls: Sie hat exakt ein feines Kleid in Samt und Seide. „Da wird nicht drauf gekleckert und falls doch, dann ist das ruck zuck durch die Reinigung und wieder tragbar“, sagt die Tollität. Ein frommer Wunsch, wenn man mal die große weiße Fläche im Vorderrock betrachtet. Wenn man aber die Prinzessin betrachtet, ist gleichzeitig klar, dass sie schon genau weiß, was sie will und macht.

Traudel Liptow kann wirklich keine halbe Stunde still sitzen. Sie managt hier und regelt dort,  sie trainiert das Breitscheider Männerballett, organisiert den Karneval der KfD („Es dürfen auch evangelische Frauen kommen“) und seine Tänze, sie ist gleich elektrisiert, wenn das Wort Karneval fällt. Kein Wunder, dass bei Liptows schon die Kellerbar komplett war, als das restliche Haus in Breitscheid-Nord noch dem Himmel entgegen strebte.

Allerdings gehen Traudl und ihr Mann keinesfalls dorthin zum Lachen. Der Ehemann ist zwar nicht ganz so extatisch jeck wie seine Liebste, begleitet jedoch ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten mit wohlwollendem Frohsinn und nur leicht verfremdet verkleidet.

Seit länger als einem halben Jahrhundert umweht das Rheinland die fröhliche Frau; mit 14 kam sie aus dem Sauerland nach Mülheim, wurde nach der Schule Einzelhandelskauffrau. Als Mutter einer Tochter – die Situation als einziges Mädchen mit vier Brüdern kannte sie schließlich schon – machte später, nach etlichen Jahren im Einzelhandel und wieder als Familienfrau – eine Weiterbildung als Schwesternhelferin, arbeitete als Altenbetreuerin und -pflegerin.

Sie ist nun mal eine emsige Frau, dazu äußerst zuverlässig und mit immer wieder neuen Plänen unterwegs. Dazu gehört auch, dass sie derzeit ihre Breitscheider Mädels keinesfalls im Regen stehen lässt, sondern für Nachfolge/Ersatz gesorgt hat („Die Jessica macht das schon“). Sie hat beim Bauchtanz Klimpergürtel, Bauch und Hüften geschwungen und andere Damen mitgerissen, sich zum Zumba gebogen und ist jeden Mittwoch im Kindergarten als Vorleserin aktiv.

Natürlich hat sie auch noch Plätzchen gebacken und ihr Haus oberhalb der Kellerbar adventlich geschmückt. Sie kriegt das alles unweigerlich auf die Kette. Denn der Wunsch mit der Prinzessin ist auch erfüllt worden.

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