Ratingen: Das Autismus-Therapiezentrum „Glückspilze“ hat im Industriegebiet in Lintorf passende Räume gefunden.

Autismus : Therapiezentrum zieht in größeres Haus

Das Autismus-Therapiezentrum „Glückspilze“ hat im Industriegebiet in Lintorf passende Räume gefunden.

Der Junge sitzt auf dem Boden und schlägt sich auf die Beine, immer und immer wieder. Er wirkt abwesend, sein Blick ist nach unten gerichtet. Dann hält er sich die Ohren zu und verzieht das Gesicht und er schlägt weiter. Und weiter. Und weiter.

Um ihn herum stehen dicht gedrängt unzählige Menschen in einem großen hellen Raum, sie halten Sektgläser in den Händen, bedienen sich an dem perfekt arrangierten Büfett mit den vielen kleinen Köstlichkeiten. Gutaussehende junge Damen in eleganter schwarzer Kleidung bieten freundlich lächelnd Getränke an oder schenken ein. Es ist die Eröffnungsfeier in den neuen Räumen der „Glückspilze“, der kleine Junge auf dem Boden ist Autist, sein für Außenstehende seltsames stereotypes Verhalten gehört für die allermeisten Besucher zum Alltag: Entweder sind sie selbst betroffene Angehörige, Freunde, Mitarbeiter des Therapiezentrums.

Katarina Pellet Lastra ist Geschäftsführerin bei den Glückspilzen, das Therapiezentrum sei „ihr Baby“, sagt die 35-Jährige, ihr „Lebenswerk“. „Ich habe selbst einen autistischen Sohn, damals bei der Diagnose fühlte ich mich alleine gelassen. Ich habe mich informiert, kam sehr schnell auf die ABA-Methode, eine spezielle Therapieform bei Autismus. Ein Fachtherapeut hat dann bei uns zuhause in einem Zimmer mit der Behandlung gestartet, bald kamen andere Kinder hinzu und es wurde zu eng. Nach zwei weiteren Stationen sind wir schließlich hier angekommen und gelten als das größtes ABA-Therapiezentrum Europas.“

Im Industriegebiet an der Breitscheider Straße, dort, wo normalerweise fast mehr 40-Tonner als Pkw vorbeirollen, liegt vor dem Eingang des großen hellen Gebäudes ein ausgerollter roter Teppich, die Treppengelände hinauf zur großen Tür sind geschmückt mit bunten Luftballons, die Besucher werden von zwei stilvoll gekleideten Mitarbeiterinnen begrüßt und weitergeleitet: Wer den Therapietrakt sehen möchte, bleibt im Untergeschoss, oben wird gefeiert und angestoßen. Vor allem die Eltern aber möchten zuerst sehen, wie und wo mit ihren Kindern gearbeitet wird.

Und so zeigt Justine Mews von den Glückspilzen die vielen großen und kleineren Räume, in denen derzeit rund 70 Kinder zwischen zwei und 15 Jahren nach der ABA-Methode behandelt werden. Es riecht noch ein wenig nach Farbe, alles ist neu, modern, hell, der Vinylboden in grauer Holzoptik. Ein etwas kleinerer Raum ist nur spärlich möbliert, ein Tisch, zwei Stühle, ganz wenig Spielzeug. „Dieser Raum ist sehr wichtig für Kinder, die eine reizarme Umgebung benötigen“, erklärt die Fachfrau. An der Tür hängt eine Tafel mit vier Nummern, die Mitarbeiterin erklärt, warum. „Jedes Kind wird mit einer Nummer anonymisiert, das bedeutet, dass die speziellen Kinder sich in diesem Raum gut fühlen – eine Info für alle 40 Mitarbeiter dieser Einrichtung.“

 In einem großen Saal hüpfen Kinder auf Gummibällen, werfen Luftballons umher, gucken Bilderbücher an, stöbern in den vielen Spieleregalen. Einen Raum weiter gibt es vier Arbeitsplätze, an denen parallel mit vier Kindern im 1:1-Verhältnis gearbeitet werden kann. Dann zeigt Justine Mews den begeisterten Besuchern das Highlight: ein durch die Form des Gebäudes entstandener dreieckiger begrünter Innenhof. „Besser geht es nicht, hier kann getobt oder draußen therapiert werden und die Kinder können hier nicht einfach weglaufen“, schwärmt Geschäftsführerin Katarina Pellet Lastra, „so haben wir uns das immer gewünscht.“

Mehr von RP ONLINE