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Ratingen: Auf den Spuren der Weimarer Republik

Ratinger Geschichte : Auf den Spuren der Weimarer Republik

Bücher von Hermann Tapken und eine Arbeit der Fachhochschule Duisburg liefern fundierte Fakten. Sie können bei der Stadt, im Stadtarchiv oder im Buchhandel erworben werden.

Man soll sich da nichts vormachen: Für manch einen Zeitgenossen, egal welchen Alters, bedeutet der Begriff „Weimarer Republik“ nicht viel mehr als der Begriff „Zürich-Krimi“ für andere. Und auch die hochgelobten TV-Staffeln von „Babylon Berlin“ sind keinesfalls bewegte Geschichtsbücher, sondern deliziös angerichtete, filmische Leckereien, durchgestylt bis in die letzte Obstschale. Allerdings scheinen die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in zu sein.

In Ratingen machte sich der Verein für Heimatkunde und Heimatpflege schon vor ein paar Jahren verdient um die Aufarbeitung des Themas, gab zwei Bücher von Hermann Tapken über die Weimarer Republik heraus und unterstützte ein Projekt, an dem sich Studenten der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Duisburg darum bemühten, Berliner Ereignisse in Ratinger Spuren deutlich zu machen: Sie nahmen sich den Weg durch die Geschichte als Weg durch die Stadt vor und präsentieren politisches und soziales Elend in einzelnen, im Stadtbild sichtbaren Stationen. Das daraus entstandene Heft kostet fünf Euro und ist bei der Stadt, auf jeden Fall im Stadtarchiv, zu erwerben.

Verheerende Arbeitslosigkeit als Folge der Weltwirtschaftskrise, mächtige Kundgebungen der Kommunisten, die Spaltung der SPD, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen nationalistischen und sozialistischen Gruppen, der Aufstieg der NSDAP, offener Antisemitismus und 1933 schließlich die Koalition der bürgerlichen Parteien mit den Nationalsozialisten – all das hat eben nicht nur in Geschichtsbüchern oder im fernen Berlin stattgefunden, sondern auch mitten in Ratingen.

Die beiden Tapken-Bücher, die auch im Buchhandel erhältlich sind,  geben mit säuberlicher Aufarbeitung geschichtlicher Ereignisse interessierten Lesern ein klares Bild der Stadt Ratingen vor gut 100 Jahren. Und die Broschüre, die die Studenten zusammengetragen haben, liefert mit säuberlichen Fußnoten die entsprechenden Passagen in den Büchern, aber auch die aktuellen Bilder von Tapken.

Sein Verdienst ist es ohne Zweifel, die Entwicklungen der deutschen Geschichte auf die Ratinger Verhältnisse herunter gebrochen zu haben und dadurch für jeden greifbar und nachvollziehbar zu machen. Es heißt immer so nett: „Das kann man auch mal im Geschichts-Unterricht brauchen.“ Wie wahr. Schöner noch ist es, die in Büchern aufgeschriebenen Erkenntnisse als Wissen gespeichert zu haben.

Heiko Knappstein, derzeit die einzige, unverzichtbare Stütze des ansonsten personell verwaisten Ratinger Stadtarchivs, erlebt solche Begegnungen wie es die Erarbeitung der Broschüre war, als überaus spannend.

Darüber hinaus ist er ein ausgezeichneter Kenner der historischen fotografischen Aufnahmen im Ratinger Archiv. In Ratingen tagten die Parteien in den Sälen der Gaststätten, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei zum Beispiel im Düsseldorfer Hof an der Düsseldorfer Straße („Bestgepflegte Weine, kalte und warme Speisen zu jeder Tageszeit“ hieß es in seiner Werbung). In dessen Räumlichkeiten befindet sich schon seit Jahren die Deutsche Bank. Damals wurden dort und generell Parteiversammlungen polizeilich überwacht, wurden Protokolle angefertigt und auch veröffentlicht.

Der zweimalige Ausruf der Weimarer Republik in Berlin erwischte die USPD direkt bei einer Versammlung im Düsseldorfer Hof. Sie reagierte umgehend und bestimmte direkt aus eigenen Reihen einen Arbeiterrat und eine Bürgerwehr. Die wirtschaftliche Lage war desaströs. Und dennoch präsentierte der damalige Bürgermeister bereits ein unglaubliches Prestigeobjekt: Der Trinsenturm war restauriert und zu einer Drei-Zimmer-Wohnung umgebaut worden.  In einem nächsten Beitrag wird es um offen propagierten Antisemitismus gehen, um linken Klassenkampf, um rechte Reaktion.