Projekt : Aus der Kirche in die Wohnzimmer

Was haben eigentlich die vielen Chöre, die sonst so viele Gottesdienste musikalisch bereichern, in der Coronavirus-Zwangspause gemacht? Man überträgt die Musik aus der Friedenskirche in die Wohnzimmer der Chormitglieder.

Kirchen sind zum Teil wieder geöffnet, Gottesdienste werden wieder gefeiert. Natürlich mit genügend Abstand, Schutzmasken und Listen, in die sich die einzelnen Besucher vor dem Gottesdienst eintragen müssen.

Aber was haben eigentlich die vielen Chöre, die sonst so viele Gottesdienste musikalisch bereichern und immer noch nicht auftreten dürfen, in der Coronavirus-Zwangspause gemacht? Wie haben sie geübt, den gemeinsamen  Kontakt gehalten?

Catherin Schuster-Sixt ist Chorleiterin. Sie weiß, dass das Proben auch während der coronavirus-bedingten Einschränkungen irgendwie weitergehen muss.  „Chöre leben ja gerade von der Gemeinschaft und dem Eintauchen der eigenen Stimme in einen Gesamtklang. Im Austausch mit meinen Chorsängern erlebe ich das Wegfallen der Chorproben bei fast allen als einen tief empfundenen Verlust“, sagt Schuster-Sixt.

Der von ihr im Jahre 2005 mitgegründete Chor „O-Ton“ ist auch von den Auswirkungen des „Lockdowns“ getroffen. „O-Ton ist ein weltlicher Chor, probt aber seit jeher in der Friedenskirche. Dort werden seit der Kirchenschließung die evangelischen Gottesdienste gestreamt. Als ich den ersten gesehen hatte, fragte ich den Techniker Thorsten Schücking, ob so ein Format nicht auch für Chorproben möglich wäre“, erklärt die Chorleiterin und Musiklehrerin, die hauptberuflich an der Albert-Schweitzer-Grundschule in Ost unterrichtet.

Es gab grünes Licht seitens der Kirche, sehr zur Freude der passionierten Musikerin. „Und so streame ich nun mittwochs aus der Kirche heraus in die Wohnzimmer meiner ‚O-Töne‘. Anhand der Einschaltquoten habe ich einen Überblick, wie gut das Angebot angenommen wird. Da übertraf die Teilnehmerzahl die der analogen Probe bei weitem.“

Dass Schuster-Sixt ins Leere spreche, stelle für sie kein Problem da. Imagination sei hier gefragt. Sie stelle sich den Chor sowie die jeweilige Stimmgruppe vor dem inneren Auge vor und überlege, wo Schwierigkeiten und Probleme entstehen könnten.

„So übe ich Takt für Takt der Stücke, die wir eigentlich im Oktober aufführen wollten, wiederhole, festige, gebe Atem- und Techniktipps. 20 Minuten hat jede Stimmgruppe, danach kann man entweder ausschalten oder bei der nächsten Gruppe weiter zuhören und die eigenen Töne mit denen der anderen üben“, erklärt Schuster-Sixt, die an der Folkwang-Hochschule in Essen Musik auf Lehramt studiert hat.

Nach der ersten Probe habe es einen Begeisterungssturm über Whatsapp und Mail gegeben. Schuster-Sixt: „Es tat allen so gut, wieder zu singen. Aber auch der Unterschied wurde natürlich deutlich – und was dieser ganze Lockdown in letzter Konsequenz bedeutet.“

Anstatt mit vielen anderen singe man  allein zu Hause. Schuster-Sixt fragt kritisch: „Wo bleibt da der wohltuende Gesamtklang, das Erlebnis von Gemeinschaft ?“

Aber selbst das erst so aufregende Streamingerlebnis werde irgendwann zur Routine. Schuster-Sixt empfand die Stille, die nach den letzten Proben herrschte, als lähmend und gruselig. Sie will und braucht aber Rückmeldungen, möchte im Gespräch mit ihren Mitgliedern bleiben.

Sie bat ihre Sänger, die Rückmeldungen nicht einzustellen, und es funktionierte: Über ihre Homepage tauschen sich die „O-Töne“ nun zu ihren Proben aus, die Gemeinschaft lebt damit ein Stück weiter.

Ein Chor wird laut Catherin Schuster-Sixt in diesen Zeiten sogar zum „lebensgefährlichen Ort“. Das macht sie sehr betroffen. Und klar ist für die Chorleiterin auch: „Dieser angeordnete Stillstand muss in naher Zukunft enden, da wir so zwar unsere Körper schützen, aber nicht genug auf unsere Seelen achten. Die leiden gerade massiv.“

Man sehnt die Normalität herbei und weiß doch: Corona wird das Leben noch lange begleiten.