Poetry Slam in der Manege Lintorf

Manege Lintorf: Sprach-Ekstase beim Poetry Slam

Auch beim 12. Contest in der Manege begeisterten die Vortragenden mit ihren literarischen Präsentationen.

Beiträge einzelner Poetry Slammer mit einander zu vergleichen, einzuordnen und letztlich zu bewerten, das ist ein bisschen so wie mit dem Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen: eigentlich geht das gar nicht. Denn bis auf die Tatsache, dass beim Poetry Slam jeder Vortrag maximal sechs Minuten dauern darf, keine Hilfsmittel zur Verfügung stehen dürfen und Fremdtexte verboten sind, ist alles erlaubt und das bedeutet: miteinander vergleichbare, objektiv messbare Kriterien gibt es eigentlich nicht. Und das gilt natürlich auch beim Poetry Slam in der Lintorfer Manege, mit dem die Einrichtung Mittwochabend ins neue Programm startete.

Natürlich gibt es da solche, die mit sonorer Stimme (und das nicht bewusst als literarisches Stilmittel eingesetzt) minutenlang einen auswendig gelernten Text herunter leiern, dessen Inhalte öde und vor allem an den Haaren herbei gezogen scheinen, die aber stellen doch eher die Ausnahme da und verkörpern dieses anspruchsvolle und besondere Genre der Bühnenliteratur nicht wirklich.

Was aber, wenn eine junge Frau namens Mina mit einer Stimme, so rein und weich und seidig wie Honig, die Bühne betritt und eher still und leise ihre über „Worte“ und „Licht“ hochphilosophischen und literarisch eindrucksvoll verpackten Thesen vorträgt, unfassbar pointiert und zentriert spricht, Atempausen an genau den richtigen Stellen setzt und sie damit für faszinierte Begeisterung im Publikum sorgt, aber eigentlich kaum jemand so richtig ihren Gedanken folgen kann? Und was, wenn danach ein junger Mann namens Julius Esser die Bühne einnimmt mit Leben füllt, laut lacht, ein paar Kalauer raushaut und ansonsten zwischen sich (Julius) und seiner inneren Stimme (Udo Lindenberg) hin und her switcht und dafür ebenfalls tosenden Applaus erhält?

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Was, wenn dann noch die rothaarige Düsseldorferin Kim Catrin mit ihren gewagten Thesen „Liebe ist wie eine Katze“ und „Liebe ist das Gegenteil von Lidl, sie lohnt sich nicht“, nicht nur mit ihrer teils hanebüchenen Wortgewandtheit begeistert, sondern letztlich das Publikum auch noch von eben solchen Behauptungen tatsächlich überzeugt?

Die drei anderen Teilnehmer meistern ihre kurzen Auftritte ebenfalls mit Bravour, sie sind teils blutjunge Anfänger, ihnen zollt alleine der Respekt dafür, das eigene literarische Innere in der Öffentlichkeit nach außen kehren zu können. Und doch fehlt ihnen vielleicht (noch) das Alleinstellungsmerkmal, die künstlerische Fähigkeit, sich von den anderen abzuheben, zu unterscheiden. Bei Mina, Kim und Julius ist das anders, da haben es auch die erfahrenen Moderatoren des Abends, Kulturplanerin Christine Brinkmann und Poetry Slammer Jonas Jahn, nicht einfach, anhand des Applauses zumindest den zweiten und dritten Platz herauszuhören. Julius Esser jedenfalls hat letztlich einen doch hörbaren Hauch mehr überzeugt und gewinnt den 12. Poetry Slam Contest in der Manege.

Als Zugabe sinniert der Brühler und studierte Literaturwissenschaftler über die Schwierigkeit rein oder auch unrein zu reimen, denn: „So einfach ist es schließlich nicht, mit dem Gedicht.“

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