1. NRW
  2. Städte
  3. Ratingen

Ratingen: Poet vor kleinem Publikum

Ratingen : Poet vor kleinem Publikum

Sicher, Samstag war der erste Sommertag des Jahres, auch abends noch Temperaturen um die 20 Grad. Aber ist das etwa ein Grund, den Auftritt des sehr speziellen Berliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher zu verpassen?

Da saßen im Medienzentrum gerade einmal 20 Zuschauer, als Manfred Maurenbrecher mit seinem neuen Programm "Hoffnung für alle" begann. Wäre der Berliner Liedermacher ein Unbekannter, wäre es ja noch verständlich, die Gartenliege den Stühlen im Medienzentrum vorzuziehen. Aber der 60-Jährige ist eine feste Größe in der deutschen Liedermacher-Szene – umso trauriger, dass nur wenige Notiz davon nehmen, wenn das oft gescholtene Kulturamt mal einen solchen Künstler in die Stadt holt.

Rund 500 Lieder hat Maurenbrecher in seiner Karriere geschrieben, unzählige Kleinkunst-Preise im ganzen Land abgeräumt. "Viele sind berufen, wenige aber ausgewählt", zitierte Rainer Bendt vom Kulturamt mit Blick auf die vielen leeren Stühle. Maurenbrecher selbst ließ sich vom mager besetzten Lesecafé nicht aus dem Konzept bringen – er ist schließlich Profi, auch wenn er auf den ersten Blick etwas verschroben daherkommt: schwarz-blaue Weste, darunter ein Hemd, dessen Muster ziemlich schwer zu beschreiben ist. Dazu der Gürtel, der zu lang ist und irgendwo am Oberschenkel baumelt.

  • Im Bereich des Berliner Platzes geschah
    Ratingen West : Versuchter Raub am Berliner Platz
  • Die Lintorfer Fantasy-Autoren Kathy Wrighter (r.)
    Bücher aus Ratingen : Elben, Traumwandler und Fantasiewesen
  • Die Omikron-Variante des Coronavirus hat den
    Corona-Zahlen im Kreis Mettmann : Inzidenz sinkt leicht auf einen Wert von gut 255

Gepaart mit der wirren Mähne auf dem Kopf ergibt das eine Mischung, die Maurenbrecher nicht bloß zu einem Künstler mit einem liebevollen Lispler macht, sondern zu einem Typen. Wenn er den alt-ehrwürdigen Flügel im Medienzentrum zu selten erlebter Lautstärke treibt, tanzen seine langen Haare wie wild um den Kopf. Aber es sind auch die leisen Töne, mit denen Maurenbrecher beim Publikum punktet, es mitnimmt in seine ganz eigene Welt, in der er seit Jahren Kunst auf hohem Niveau macht und damit wohl zur langsam, aber sicher aussterbenden Gattung der Liedermacher gehört.

Seine Lieder glänzen mit Pointen, manchmal auch mit ungewohnten Wendungen. Das macht jedes seiner Stücke zu einem Erlebnis, das ein feines, hintergründiges Humorempfinden anspricht. Nicht unbedingt jedermanns Geschmack, aber es ist trotzdem schwer, sich Manfred Maurenbrecher zu entziehen. Wenn er seine Eindrücke eines New York-Aufenthalts besingt, wird der Stress, die Unpersönlichkeit, aber gleichzeitig auch das Faszinierende dieser Stadt greifbar. Die Reisen des Berliners ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend, der mehr Zuschauer verdient hätte. "Manchmal ist Weisheit dort, wo man sie am wenigsten vermutet", sagt er schelmisch schmunzelnd, bevor er aus der unsinnigen deutschen Übersetzung eines Hotelleitfadens aus Ägypten zitiert. In Maurenbrechers Stücken jedenfalls vermutet man diese Weisheit nicht bloß, man wird auch fündig: "Wenn man denkt, jetzt dreht der völlig durch, ist man vielleicht gerade dabei, glücklich zu werden."

(RP)