1. NRW
  2. Städte
  3. Ratingen

Neuer Polizewachleiter Frank Bauernfeind im Interview

Interview : „Sorgen bereiten mir die Fahrerfluchten“

Der neue Leiter der Polizeiwache Ratingen spricht über die gestiegenen Herausforderungen an Polizisten.

Wie hat sich Ihre Arbeit in Zeiten des Coronavirus verändert? Und welche Vorkehrungen treffen Sie, Herr Bauernfeind?

Frank Bauernfeind Unsere Arbeit hat sich in allen Bereichen verändert. Zusätzlich ist der Veränderungsprozess dynamisch. Wir stellen uns intern organisatorisch anders auf, um etwa eventuell krankheitsbedingt ausfallende Beamte auffangen zu können. Das geschieht nicht nur im Wachbereich Ratingen, sondern kreisweit und darüber hinaus. Nicht jeder kann jeden vertreten. Auch hierüber müssen wir sprechen und treffen Vorkehrungen. Die Schutzvorschriften gelten auch für uns. Wir statten uns aus mit Desinfektionsmitteln, Schutzmasken, bis hin zu Schutzanzügen. Und wir sprechen mögliche Vorgehensweisen im Einschreitfall ab. Bürger, die die Polizeiwache aufsuchen, haben nicht mehr sofort die Möglichkeit, mit einem Polizisten zu sprechen. Der Kontakt erfolgt zuerst über eine Gegensprechanlage, es liegen Vordrucke aus für eine etwaige Anzeigenerstattung. Wer eine Straftat anzeigen möchte, wird nicht weggeschickt, sondern auf die Möglichkeit hingewiesen, dies online anzuzeigen oder schriftlich einzureichen. Wir treffen Vorkehrungen für den Fall, dass wir eine infizierte Person in Gewahrsam oder vorläufig festnehmen müssen und unserem Polizeigewahrsam zuführen, damit nicht im Nachgang eine Polizeiwache gesperrt werden müsste. Wir sind im ständigen Austausch mit den Kommunalen Ordnungsdiensten der Stadt und anderen Ämtern.

Unabhängig von Corona: Wie hat sich die Polizeiarbeit im Laufe der Jahre konkret in Ratingen verändert?

Bauernfeind Grundsätzlich: Die Arbeit ist angestiegen. Sie ist digitaler geworden. Sie ist schnelllebiger geworden. Ratingen ist die kreisgrößte Stadt mit rund 80 Quadratkilometern und mehr als 90.000 Einwohnern. Die Einsatzbelastung liegt kreisweit im Schnitt pro Monat bei knapp 10.000 außenveranlassten Einsätzen; Tendenz steigend. Hinzu kommen Einsätze, die die Polizei selbst übernimmt, ohne von der Bevölkerung gerufen worden zu sein, wie Objektschutz, Raumstreifen, Aufklärungseinsätze. Wir sind kreisgrößte Stadt und haben auch prozentual die meisten Einsätze zu bewältigen. Konkret ist die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen Polizei und Stadtverwaltung in einem sehr guten Fluss. Insbesondere die Ordnungspartnerschaft mit dem Kommunalen Ordnungsdienst kann ich hervorheben. Leider haben wir aus aktuellem Anlass gemeinsame Doppelstreifen derzeit eingestellt; der Info-Austausch und gegenseitige Unterstützung finden nach wie vor statt.

Worauf freuen Sie sich bei Ihrer neuen Arbeitsstelle besonders?

Bauernfeind Ich freue mich über die Aufgabenvielfalt; täglich passiert etwas Neues, was einen herausfordert und gelöst werden will. Die Polizeiwache Ratingen verfügt über ein junges leistungsstarkes Team. Mit im Haus befindet sich das Regionalkommissariat. Wir stehen täglich im Kontakt, analysieren das Geschehene und planen lageangepasst gemeinsame Einsätze. Vieles davon nimmt der Bürger nicht wahr. Ich bin als Regionalbeauftragter extern das Bindeglied zwischen der Stadt und der Polizei und intern zwischen den Direktionen und Dienststellen des Kreises Mettmann. Für mich persönlich gesprochen, fühle ich mich wieder zu Hause. In jungen Jahren habe ich bei der Polizei Ratingen beruflich laufen gelernt; damals noch in der Polizeiwache an der Düsseldorfer Straße. Insgesamt bin ich 15 Jahre in Ratingen Streife gefahren; davon war ich zehn Jahre Dienstgruppenleiter.

Wie ist eigentlich die Polizeidichte in der Stadt?

Bauernfeind Diese Frage kann ich ihnen leider nicht beantworten, da sie zu sicherheitsrelevant ist. Wir sind im Wachbereich Ratingen mit etwa 80 Mitarbeitern gut aufgestellt. Wir unterteilen uns in Inneren Dienst, Bezirks- und Schwerpunktdienst und Wachdienst. Überregional werden wir unterstützt durch Kräfte der Direktion Verkehr, der Direktion Kriminalpolizei und dem Polizeisonderdienst. Zudem finden immer wieder sogenannte Kontingenteinsätze statt, zu denen wir Teile einer Hundertschaft aus dem  Land anfordern und in unserer Stadt einsetzen.

Die jüngste Polizeikriminalstatistik besagt, dass insbesondere Trickbetrüger und „falsche Polizisten“ älteren Menschen das Leben schwer machen und sie betrügen. Welche Maßnahmen wollen Sie fahren in Ratingen, um diesem Phänomen besser Herr zu werden?

Bauernfeind Diese Masche der Trickbetrüger ist ein bundesweites Phänomen, was es einzudämmen und zu bekämpfen gilt. Der größte Schutz ist Vorbeugung durch Information. Wir arbeiten kreisweit daran, insbesondere unsere älteren Mitmenschen zu informieren und sensibilisieren. Das geschieht durch Verbreiten von Informationsbroschüren, ständige Presseveröffentlichungen, gezieltes Ansprechen von Bürgern auf der Straße, an Wohnungstüren und durch das Info-Mobil unserer Kriminalpolizei in den Stadtteilen. Wir raten zur erhöhten Wachsamkeit bei abendlichen oder nächtlichen Telefonanrufen. Ziel der Betrüger ist es immer, nach Wertsachen und Bargeld zu fragen. Dazu wird der Angerufene zunächst in ein Gespräch verwickelt. Wenn die Frage nach Vermögen gestellt wird, bitte sofort auflegen und dann die Polizei verständigen. Wir werden kreisweit gemeinsam weiter daran arbeiten, dass möglichst viele Mitbürger sensibilisiert werden; dafür setzt sich auch der Landrat ein.

Was sind Ihre Ziele als Wachleiter, um die Sicherheit in der Stadt weiter zu erhöhen?

Bauernfeind Die öffentliche Sicherheit zu schützen ist unsere originäre Aufgabe. Dafür stehen wir ein. Hier geht es zum einen um Verhinderung und Bekämpfung von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten. Das geschieht in Ratingen etwa durch gezielte Verkehrsüberwachung an Unfallhäufungsstellen durch Überwachung von Hauptunfallursachen (Geschwindigkeitsübertretungen, Rotlichtverstöße, verbotswidriges Überholen), Planung und Umsetzung von Einsatzkonzepten zur Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen bis hin zu Razzien an Orten, die der Bildung von Clan- und Rockerkriminalität dienen. Hierzu werten wir die Kriminalstatistik und ständig aktuelle Einsatzzahlen aus. Sorgen bereiten mir die Unfallfluchten in Ratingen. Im vergangenen Jahr wurden in Ratingen 804 Unfallfluchten angezeigt. Damit ist Ratingen auf dem ungerühmten ersten Platz. Dagegen steht die höchste Aufklärungsquote von 43,8 Prozent im Kreis. Die Kollegen während der Anzeigenaufnahme und fortfolgend im Verkehrskommissariat tun alles Mögliche, um die Taten aufzuklären. Eine Verkehrsunfallflucht ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die auch konsequent durch die Gerichte bestraft wird. Im Zweifelsfall soll jeder die Polizei anrufen und vor Ort klären lassen, ob ein schädigendes Ereignis eingetreten ist oder nicht. Im Weiteren ist mir das subjektive Sicherheitsgefühl unserer Bürger wichtig. Dafür möchte ich ebenfalls ansprechbar sein. Ich möchte wissen, wo sich unsere Mitmenschen in Ratingen nicht sicher fühlen, unabhängig davon, ob es hierfür sachlich dokumentierte Gründe gibt oder es „nur“ an der örtlichen Gegebenheit liegt. Das kann schon ein schlecht beleuchteter Weg oder eine dunkle Unterführung sein, die der Bürger deshalb meidet. Auch das sollte nicht hingenommen werden. Hier kann in vielen Fällen schnell Abhilfe geschaffen werden.