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"Neue Wege" plant Aktionen für straffällige Jugendliche in Haan

Jugendliche aus Haan und Umgebung leisten Sozialstunden : Straffällige Jugendliche packen an

In Grube 7 und Grube 10, ehemaligen Steinbrüchen und Klärteichen leisten zehn Jugendliche und junge Erwachsene Sozialstunden ab. Sie kümmern sich um die Natur, lernen soziales Verhalten und kommen mit den Jugendgerichtshelfern des Vereins „Neue Wege“ ins Gespräch.

Ihre Jacken, Schals und Mützen haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen schon lange ausgezogen. Zu schweißtreibend ist die Arbeit, die sie verrichten: In der Grube 7, einem ehemaligen Kalksteinbruch, machen sie sich mit Spitzhacken ans Werk. Sie entfernen Birkenschößlinge, die Zuhauf aus der Erde sprießen, werfen diese schwungvoll auf Schubkarren und fahren diese voller Elan an die Seite des Tals. Seit sechs Stunden befreien Jugendliche und junge Erwachsene, die mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt geraten sind, den Boden von überbordendem Bewuchs.

Müde oder lustlos wirkt trotz Nieselregen und körperlich anstrengender Arbeit keiner, im Gegenteil. Die Pack-an-Stimmung im alten Steinbruch ist nicht gestellt oder gespielt: „Die sind alle schon den ganzen Tag richtig motiviert“, sagt Jugendgerichtshelfer André Duschke über seine Schützlinge. Die Bewegung an der frischen Luft, eine Aufgabe, deren Erfolg konkret zu sehen ist, dazu die Gespräche mit den Jugendgerichtshelfern aus Haan, Wülfrath, Mettmann, Heiligenhaus und Erkrath, das alles tut den jungen Männern gut. An vier Tagen leisten sie, initiiert vom Verein „Neue Wege“, in Grube 7 und Grube 10 in Gruiten Stunden, die sie nach Diversionen oder Gerichtsbeschlüssen erhalten haben. Ein Jugendlicher ist dabei, der muss gar keine Sozialstunden leisten, wollte aber dennoch dabei sein: „Ich wollte mal in Ruhe mit Herrn Duschke reden, weil ich da so ein paar Probleme hab.“

Wohlwollend unterstützen André Duschke (Wülfrath) und seine Kolleginnen und Kollegen Melanie Rohde (Heiligenhaus), Einar Sosna (Haan) und Manfred Cserni (Mettmann) die Jugendlichen, auch der Haaner Umweltschützer Hans-Joachim Friebe ist dabei. Die Betreuer finden das richtige Maß zwischen Ruhe, in der die jungen Männer von selbst erzählen, und Nachhaken, ohne das Verhalten der zehn Jungs in der Vergangenheit zu bewerten.

„Ich finde eigentlich gut, dass Jugendliche auch mal Fehler machen, sich ausprobieren. Im Endeffekt ist das ja immer nur ein Hilferuf“, sagt Einar Sosna, der schon seit 1983 engagiert in der Haaner Sozialarbeit tätig ist. Die Delikte, die die Jugendlichen und jungen Erwachsenen verübt haben, seien „eher harmlos“. „Und da wir in einer Gesellschaft leben, in der es leider wenig darum geht, Dinge richtig zu machen, sondern vor allem darum, nichts falsch zu machen, ist das meistens auch okay, wenn man in seiner Jugend doch mal Fehler macht.“

Der Effekt solch viertägiger Aktionen sei immer groß, „man kommt hier draußen in der Wildnis einfach ganz anders mit den jungen Menschen in Kontakt“, beschreibt André Duschke. Höflich reicht ihm einer der Jungen eine Spitzhacke, ein anderer packt als Mittagessen den Kartoffelsalat aus, den seine Mutter gemacht hat, ein Dritter einer posiert mit einem Kumpel für das soziale Netzwerk „TikTok“, weil er stolz ist auf das, was die Gruppe an diesem Tag schon geschafft hat: Eine große Fläche frei von Birkenschößlingen, sodass anderer junger Bewuchs auf dem Boden wieder eine Chance hat, zu wachsen.

Graffiti-Projekte, Bauwagen-Verschönerungen und – auch unabhängig von Corona – viele Aktionen in der Natur waren Aktionen mit straffälligen Jugendlichen in der Vergangenheit. „Wir kommen mit ihnen ins Gespräch, können Verhalten reflektieren und Handlungsalternativen verdeutlichen“, erklärt Duschke den Hintergrund. „Diese können im Projekt direkt ausprobiert werden, denn hier lernen die Jugendlichen definitiv soziales Verhalten. Wenn hier einer versucht, herumzuprollen, gibt es von den anderen direkt eine Ansage.“ Außerdem gäben die Jugendlichen der Gesellschaft etwas zurück, indem sie sich um die Natur kümmerten.

Mit geröteten Wangen und durchaus glücklichen Gesichtern geht der Arbeitstag für die Jugendlichen um 15.30 Uhr zu Ende. André Duschke: „Sie haben viel mehr Kraft, als sie normalerweise nutzen, und die haben sie heute sinnvoll eingesetzt.“