Reise in die Kindheit Da werden Erinnerungen wach

Ratingen · Die neue Ausstellung des Ratinger Spielzeugmuseums zeigt Spielzeuge der 50- bis 70er-Jahre. Die Schau ist ab Samstag, 26. November, im Trinsenturm zu sehen und bietet bis Ende Oktober 2023 die Möglichkeit zu einer Zeitreise.

Neue Ausstellung im Spielzeugmuseum Ratingen
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Reise in die Kindheit

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Foto: Achim Blazy (abz)

„Nach dem Zweiten Weltkrieg war alles knapp – Geld, Wohnungen, Material“, so Bettina Dorfmann, Vorsitzende der Ratinger Puppen- und Spielzeugfreunde. So sehr sich die Kinder in dieser Zeit nach Spielzeugen sehnten, der Krieg hatte viel verschlungen, nur wenige Stücke überdauerten die Wirren der Kriegsjahre. Neues Spielzeug gab es kaum, die Produktion musste warten, weil andere Probleme dringlicher waren und weil es schlicht kein Material gab.

„In den 50er- bis 70er-Jahren kam die Wirtschaft wieder in Schwung und damit auch die Spielzeugindustrie“, erklärt Dorfmann. Es sind Jahre des Wandels. „Auch neue Materialien wie Vinyl, Kunsstoff und Kunsthaare finden Einzug in die Spielwarenindustrie“, so Dorfmann. Mehr und mehr wurde Zelluloid als Ausgangsmaterial ersetzt. Und vor allem: Die Welt allgemein und insbesondere in den Kinderzimmern wird wieder bunter, und die Menschen hatten endlich wieder Zeit für ein Spiel.

Lieb gewonnene, einst aus der Not entstandene, selbst gebaute Puppenhäuser – die Ausstellung zeigt ein Exemplar, das im Inneren eines Radios seinen Platz gefunden hat – tauschen den Platz mit modernen Ausführungen. Und die gehen durchaus mit der Zeit. Tapeten, Teppiche und Möbel greifen Muster und Farben auf, die gerade in Mode sind, und werden mit Melitta-Geschirr im Kleinformat eingerichtet. Auch im Kaufladen sind die Waren nicht mehr aus Holz oder anderweitig improvisiert, sondern farbenprächtige Verpackungen füllen wie in den Geschäften die Regale.

Puppen und Bären werden jetzt aus pflegeleichtem Kunststoff hergestellt, vertragen auch schon mal eine Wäsche. Junge Puppenmütter liebäugelten mit Hummel, Schildkröt, Mattel oder Käthe Kruse. Immer lebensechter werden die kleinen Gesichter nachmodelliert. Die „Kinder“ können sogar weinen oder sprechen. Sogar bei den Puppenwagen zeigt sich die neue Zeit. Sichtfenster aus transparenter Folie greifen Trends der Zeit auf.

„Spielzeug für Jungen aus dieser Zeit ist deutlich schwerer zu finden“, sagt Dorfmann. Da stehen besonders Fahrzeuge – Eisenbahnen, Traktoren, Baufahrzeuge, Autos – hoch im Kurs. Nur noch selten finden sich Exemplare aus Blech. Beim Nachstellen lebensechter Situationen gibt es eben auch den ein oder anderen Unfall. Ein Großteil der intensiv bespielten Stücke hat den Einsatz nicht überlebt. „Puppen werden da schon pfleglicher behandelt“, sagt Dorfmann.

Die Faszination für Abenteuer und fremde Welten ist ungebrochen. Kinderzimmer verwandeln sich in Ritterburgen, Bauernhöfe oder in den Wilden Westen. Karl May mag heute in der Kritik stehen, über Generationen hinweg waren seine Geschichten schlichtweg Kult.

Auch Brettspiele fanden wieder mehr Anhänger. So wurde mancher Abend mit Pferderennen, Spitz pass auf oder Mensch-ärgere-Dich-nicht verbracht. Für die jungen Forscher und Ingenieure kamen Experimentier- und Baukästen auf den Markt, oder es ließ sich eine funktionierende Dampfmaschine nachbauen. Die Mädchen übten sich weiterhin klassisch in Hand- und Hausarbeiten – die entsprechenden Spielzeuge wie Bügeleisen waren jetzt allerdings voll funktionstüchtig.

Viel Zeit verbrachten Kinder und Eltern mit Quartettspielen, die beinahe zu jedem Thema aufgelegt wurden und ganz nebenbei Wissen zu Tieren oder Technik vermittelten. Auch Lego-Steine waren beliebt und transportierten zum Beispiel aktuelle Themen oder Fernsehserien in die Stuben. Und bei einer leidenschaftlichen Sammlerin von Barbiepuppen (Bettina Dorfmann nennt die weltweit größte Sammlung ihr eigen) dürfen natürlich auch ein paar Barbies nicht fehlen.

Bettina Dorfmann demonstriert mit zwei Puppenwagen eine Zeit im Wandel. Während einige Spielzeuge die magere Nachkriegszeit überdauerten, sorgten moderne Ausführungen für leuchtende Kinderaugen.

Bettina Dorfmann demonstriert mit zwei Puppenwagen eine Zeit im Wandel. Während einige Spielzeuge die magere Nachkriegszeit überdauerten, sorgten moderne Ausführungen für leuchtende Kinderaugen.

Foto: Achim Blazy (abz)
Diese Puppenstube aus den frühen 70er-Jahren greift farblich die Trends der Zeit auf.

Diese Puppenstube aus den frühen 70er-Jahren greift farblich die Trends der Zeit auf.

Foto: Achim Blazy (abz)
 Holzspielzeug veränderte seine Form kaum, wurde aber in der Wirtschaftswunderzeit bunter.

Holzspielzeug veränderte seine Form kaum, wurde aber in der Wirtschaftswunderzeit bunter.

Foto: Achim Blazy (abz)
 Besonders bei Jungen hoch im Kurs: Fahrzeuge aller Art und Bücher, die Abenteuer erzählen.

Besonders bei Jungen hoch im Kurs: Fahrzeuge aller Art und Bücher, die Abenteuer erzählen.

Foto: Achim Blazy (abz)
 Not macht erfinderisch: Für dieses Puppenhaus liefert ein entkerntes Radio den Rahmen.

Not macht erfinderisch: Für dieses Puppenhaus liefert ein entkerntes Radio den Rahmen.

Foto: Achim Blazy (abz)

Der Spielzeugverein der Stadt Ratingen, deren Vorsitzende Dorfmann ist, hat jede Menge Spielzeuge zusammengetragen und durch Schenkungen ergänzt, die beim Besucher garantiert einen Seufzer „Ach, das hatte ich auch“ auslösen. Und wenn Bettina Dorfmann diesen Satz hört, weiß sie, sie hat mit der Ausstellung alles richtig gemacht. „Besucher sollen hier etwas aus ihrer Erinnerung wiederfinden“, hofft sie. Und diese Erinnerung darf jetzt mit schönen Dingen und nicht mit der Nachkriegszeit verbunden werden.

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