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Ratingen: Menschen, Bücher, Automaten

Ratingen : Menschen, Bücher, Automaten

Mit ihrem Vorschlag, Ausleihe und Rückgabe im Medienzentrum auf Selbstverbuchung umzustellen, ist die Stadt im Kulturausschuss abgeblitzt. Denn wenn die Technik kommt, fallen Arbeitsplätze weg. Ein Gespräch mit der Büchereileiterin Erika Münster.

Menschen sollen nicht durch Automaten ersetzt werden, da waren sich fast alle Fraktionen im Kulturausschuss — bei einer Enthaltung — einig. Mit dem Prinzip Selbstverbuchung will die Stadt zweieinhalb Arbeitsplätze (nach Verrentung) einsparen. In vielen Städten wurde es bereits umgesetzt, mit Hilfe einer Finanzspritze vom Land NRW. Erika Münster, Leiterin des Medienzentrums, beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Technik — und kennt die Vor- und Nachteile.

Veränderungen, die an den Kundengeldbeutel oder an den Personalbestand gehen, sind immer eine heikle Sache. Gerade erst wurden ja die Gebühren für die Ausleihe erhöht. Gab es Beschwerden?

Münster Die Anhebung der Preise zum 1. Juni war einer von mehreren Vorschlägen, um die Einnahmen der Stadtbibliothek zu verbessern. Wir können das damit rechtfertigen, dass wir eine Menge interessanter Sachen anbieten, unter anderem den Web-Opac, mit dem man von zuhause aus Medien reservieren und verlängern kann. Dadurch fallen weniger Mahngebühren an, was wir natürlich auch an unseren Einnahmen merken. Wegen der Gebührenerhöhung hat sich aber niemand beschwert. Die Leute haben gesagt, okay, ihr habt ja auch gute Sachen hier, von daher war es kein Problem. Viele Nutzer sind ohnehin von den Gebühren befreit, zum Beispiel solche mit einem Sozialpass der Stadt oder Kinder und Jugendliche bis 18. Was allerdings immer wieder gewünscht wird ist eine Außenrückgabe, das möchten die Leute unheimlich gerne, danach wird immer wieder gefragt.

. . . um Medien auch nach Bibliotheksschluss, und zwar rund um die Uhr, noch fristgerecht loswerden zu können . . .

Münster Ja, wer so etwas schon einmal gesehen hat, zum Beispiel in den Bilker Arcaden in Düsseldorf, der findet das natürlich ganz praktisch und fragt danach.

Sind die Selbstverbuchungsautomaten, die ja auch die Rund-um-die-Uhr-Rückgabe ermöglichen, momentan eher ein Großstadtphänomen?

Münster Auch kleinere Bibliotheken, auch im Kreis Mettmann — Hilden und Erkrath, bald auch Haan —, haben das schon länger eingeführt, aber in Form ganz einfacher Vorrichtungen. Für die Umrüstung gibt es eine Landesförderung, weil die Selbstverbuchung als die neue Technik schlechthin gilt. Insbesondere große Bibliotheken, die mit dem Personalproblem zu kämpfen haben und jetzt renoviert worden sind, haben die Selbstverbuchung auf dem aktuellen Stand der Technik eingeführt: Mülheim, Krefeld und Neuss, ebenso Moers. Aber es gibt auch noch ganz viele, die es nicht haben, weil es eben eine teure Geschichte ist.

Laut Stadtverwaltung müssten 417 000 Euro investiert werden. Würden sich die Selbstverbuchungsautomaten denn für eine Bibliothek in der Größenordnung des Medienzentrums lohnen?

Münster Wir haben rund 10 000 aktive Leser, das ist eine hohe Zahl. An einem Tag, an dem es nicht so gut läuft, müssen die Mitarbeiter zirka 2000 Medien zur Ausleihe und Rücknahme über den Scanner ziehen. An einem Tag, der gut läuft, sind es 4000 bis 5000 Medien. Eine irre Menge, das können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Zum Vergleich: In Heiligenhaus wurden zuletzt 100 000 Medien pro Jahr ausgeliehen, in Ratingen sind es 630 000 Ausleihen. Das Medienzentrum ist eben immer noch die attraktivste und bestausgestattete Bibliothek im Kreis Mettmann. Während der Stoßzeiten, dienstagvormittags und samstags, setzen wir für die Ausleihe und Rücknahme vier Leute ein und es gibt trotzdem noch Schlangen. Durch Automatisierung würde die Abwicklung beschleunigt.

Im Ausschuss haben Sie auch gesundheitliche Probleme der mit der Verbuchung betrauten Mitarbeiter angesprochen.

Münster Die Verbuchung mit dem Barcode-Scanner ist ja nun mal eine Arbeit, die nicht gerade als Selbstverwirklichung betrachtet werden kann. Bücher durchziehen, das ist genau wie im Supermarkt und führt zu einseitiger Belastung. Einige Mitarbeiter leiden unter Rückenproblemen, es schlägt sich also im Krankenstand nieder.

Mal angenommen, die Selbstverbuchung kommt tatsächlich — Hauptausschuss und Rat müssen ja noch entscheiden — muss dann die Angst vor einer unpersönlichen Automaten-Bibliothek umgehen?

Münster Nein, für solche Ängste gibt es keinen Grund. An den Informationstheken auf den Etagen würde es nach wie vor persönliche Beratung geben. Die Technik würde dezent in die Bücherei-Optik eingepasst, die Aufenthaltsqualität bliebe unbeeinträchtigt. Auch die Leseförderung bliebe unangetastet. Und der Ausleihvorgang ist nicht kompliziert: Es gibt ein Terminal mit einer Antenne, man legt Buch, CD oder DVD auf einen markierten Bereich, daraufhin macht es Piep. Dann kann man die Quittung abreißen und gehen. Der Rückgabeautomat im Außenbereich ist ein bisschen komplexer, aber das kriegt man hin. Gegenüber den ersten Geräten auf dem Markt hat sich die Technik deutlich verbessert.

Hat Sie die breite Ablehnung im Ausschuss überrascht?

Münster Dass es keine Akzeptanz im Kulturausschuss dafür gibt, ist keine gute Voraussetzung. Ich weiß nicht, wie die Abstimmung im Hauptausschuss und im Rat laufen wird. Die gute Diskussion im Kulturausschuss, der sich aus ethischen Gründen dagegen entschied, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Grundsätzlich ist es bedenklich, angesichts hoher Arbeitslosenquoten rationalisieren zu wollen. Dem steht entgegen, dass die finanziellen Ressourcen begrenzt sind und auch nicht zunehmen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig für eine Einrichtung wie das Medienzentrum, dass man guckt, wie man mit den Personalkosten gut durchkommt — weil es mindestens genauso wichtig oder noch viel wichtiger ist, dass gute Medien im Angebot sind. Wenn der Bestand vernachlässigt wird, würde das auch keiner gut finden.

Cordula Hupfer stellte die Fragen.

(RP)