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Maria steht immer vor einem Drogeriegeschäft in der Innenstadt und verkauft die Obdachlosenzeitschrift „fiftyfifty“. Von Tag zu Tag wird das aber schwieriger.

Corona : Wenn die Ärmsten noch mehr leiden

Die 33 Jahre alte Maria verkauft das Straßenmagazin „fiftyfifty“. Es ist schwierig, über die Runden zu kommen.

Nach zehn Minuten soll es dann gut sein mit dem Interview. Maria schaut auf ihre Uhr und sagt: „Ich muss jetzt los.“ Die Arbeit ruft. Die 33 Jahre alte Maria verkauft das Straßenmagazin „fiftyfifty“, Tag für Tag steht sie vor einem Drogeriemarkt in der Ratinger Innenstadt. Man kennt sie. Alle sprechen nur von der Maria, die „immer so zurückhaltend und nett“ ist.

Auch am Mittwochmorgen will sie wieder die monatlich erscheinende Ausgabe unters Volk bringen. Wegen der sich ausbreitenden Coronavirus-Krise laufe aber das ohnehin schon schwierige Verkaufsgeschäft immer schlechter. „Die Leute bleiben weg und kaufen erst recht keine Zeitschriften mehr“, sagt Maria, für die neben der monatlichen Kindergeldzahlung in Höhe von 204 Euro der Verkauf der Zeitschrift die einzige Einnahmequelle ist. „Davon muss ich dann auch immer die Miete bezahlen“, sagt die gebürtige Rumänin aus Hermannstadt, die seit knapp sechs Jahren in Deutschland ist. „Davon“ bedeutet für sie 204 Euro plus x. Die Variable steht für monatlich stark schwankende Einnahmen aus dem „fiftyfifty“-Verkauf. Mal seien es acht Euro, mal nur fünf Euro pro Tag. Eigentlich lebt Maria, die einen 12 Jahre alten Sohn hat, von der Hand in den Mund. „Normalerweise komme ich über die Runden, aber zurzeit nicht mehr.“

Ein Anruf bei Hubert Ostendorf, Geschäftsführer und Gründer von „fiftyfifty“, das es im April seit 25 Jahren gibt, bestätigt Marias Feststellung. „Selbst gute Verkäufer berichten uns, dass sie nichts mehr verkaufen. Das geht gar nicht“, sagt Ostendorf. Nicht nur Firmen und große Unternehmen sind gegenwärtig durch Corona in ihrer Existenz bedroht, sondern auch Maria und ihre vielen Kollegen. Sie, die eh schon kaum etwas haben, trifft die Krise fast noch mehr. Alle „fiftyfifty“-Verkäufer fungieren nämlich als Kleinunternehmer, das ist von „fiftyfifty“ so gewollt. „Indem sie jedes einzelne Heft auf eigenes Risiko einkaufen, lernen sie, in ihr eigenes Schicksal zu investieren. Mit ihren Verkaufserlösen verfügen sie oft erstmals wieder über ein eigenes Einkommen“, heißt es von „fiftyfifty“. Maria muss ihre Zeitschriften immer erst bei „fiftyfifty“ kaufen, für 1,20 Euro pro Exemplar.

Verkaufen darf sie sie aber für das Doppelte, für 2,40 Euro. Davon bleibt die Hälfte für Maria übrig, „die andere Hälfte des Preises finanziert die Produktion des Heftes“, steht auf der Homepage der Obdachlosengazette. Hälfte-Hälfte also oder eben „fiftyfifty“.

Die schüchtern wirkende Maria steht besonders jetzt, in der Krise, stellvertretend für eine Masse an Menschen, die nicht wissen, wie sie die kommenden Tage überstehen können. „Rücklagen habe ich keine“, sagt Maria. Wie auch? „Jeden Tag fahre ich von meinem Wohnort mit der Bahn nach Ratingen, ein Ticket für die Hinfahrt kostet allein schon sechs Euro.“ Da bleibt nichts übrig.

Umso mehr freut „fiftyfifty“-Chef Ostendorf, dass ihm und seinen Verkäufern eine Welle der Solidarität entgegenschlägt. „Wir haben etwa von der Düsseldorfer Bürgerstiftung einen Lebensmittelgutschein im Wert von 6000 Euro erhalten.“ Dieser werde anteilig an die Verkäufer ausgezahlt, die wirklich Not leiden. „Ein einzelner Gutschein hat einen Wert von zehn Euro, davon kann man im Discounter dann einkaufen“, erklärt Ostendorf. In Zeiten, wo auch Tafeln geschlossen sind, ein Rettungsanker. Mehr wohl nicht für die rund 800 Verkäufer von „fiftyfifty“ in NRW.

Angesichts des Coronavirus hat „fiftyfifty“ zudem das Titelcover kurzerhand aktualisiert und neu gedruckt. Dort steht nun der eindringliche Appell: „Corona meiden: Ja. Obdachlose meiden: Nein“.