Lintorf : Leben mit Demenz

Mehr als 80 Prozent der Menschen mit Demenz werden in der Familie versorgt. Im Lintorfer Haus Bethesda der Theodor Fliedner Stiftung gibt es 52 Plätze in Wohngemeinschaften. Die RP hat ein Stück Alltag erlebt.

Am Anfang dieser Geschichte steht der Apfelkuchen nach bewährtem Rezept. Den hatte die 76-jährige Frau immer pflichtgetreu zubereitet. Daraus war in all den Jahren ein festes Ritual geworden. Doch irgendwann schlichen sich die ersten Pannen ein. Als der Besuch kam, fehlte der Kuchen. Vergessen! Wie konnte das passieren? Diskussionen, Begründungen, ein Drehen und Wenden, das schließlich durch den Facharzt jäh beendet wurde. Diagnose: Demenz.

Tiefgreifender Einschnitt

Es ist ein aktueller Fall, von dem Gabriele Klupsch-Enning erzählt. Sie leitet das Lintorfer Haus Bethesda der Theodor Fliedner Stiftung. Dort, im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Fliedner Krankenhauses, und in einem angrenzenden Neubau sind fünf Wohngemeinschaften entstanden, die 52 Plätze bieten. Die gelernte Krankenschwester und studierte Pflegewissenschaftlerin betont, dass Einrichtungen dieser Art immer noch rar sind. 1,2 Millionen Menschen, so die Theodor Fliedner Stiftung, sind an Demenz erkrankt. Im Haus Bethesda sind es über 60 Prozent, die aus Krankenhäusern kommen. In der Regel sind es akute Fälle, die in Lintorf aufgenommen werden. 54 Mitarbeiter kümmern sich um die Menschen, die zum Teil weit über 90 Jahre alt sind. Oft ist es so, dass die Angehörigen die Entscheidung treffen müssen. Der Wechsel ins dörflich gelegene Haus Bethesda ist ein tiefgreifender Einschnitt. "Und es ist in der Regel eine sehr schwere Entscheidung", unterstreicht Klupsch-Enning.

Vieles aus der Vergangenheit, das in Vergessenheit zu geraten oder sogar verschüttet zu sein scheint, kann für das Leben in einem neuen Umfeld sehr wichtig sein. Deshalb müssen die Angehörigen seitenlange Biographie-Bögen ausfüllen. Alltägliche Dinge, die daheim von Bedeutung waren, können in der zunächst ungewohnten Umgebung behutsam eingebaut werden. Die Mitarbeiter betreuen die Bewohner im Schichtdienst. Es ist eine Arbeit, die Kraft kostet. Und es sind die besonderen Momente, die Kraft geben. Humor spielt eine besondere Rolle. Es sind Lebensweisheiten dabei. Betrachtungen, die urplötzlich ein Staunen und ein Lachen herbeizaubern. Beim Bewegungstraining sagt eine Frau, dass Übung den Meister mache. Sie kenne sich ja schließlich aus, an der Sporthochschule Köln seien solche Übungen durchaus üblich.

Wie weit fordern?

Wie weit kann man jeden einzelnen an Demenz erkrankten Menschen fordern? Diese Frage müssen die Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue ganz individuell beantworten. Das Team will Normalität bieten und gleichzeitig Anreize schaffen. So wird in der Küche ein Erdbeerkuchen zubereitet. Wer mitmachen will, ist herzlich dazu eingeladen. Manchmal wirkt die Gruppendynamik. Und manchmal kann es auch sein, dass einzelne Bewohner einfach schlecht drauf sind.

Die direkte Ansprache ist wichtig. Und dazu gehört auch der Körperkontakt. Knuddeln, in den Arm nehmen, die Hand ergreifen, mal einhaken — all dies gibt den Menschen im Haus Bethesda den nötigen Halt, nach dem sie mal mehr, mal weniger suchen. Manchmal bleiben Dinge ungesagt. Manchmal reichen auch Blicke.

Gabriele Klupsch-Enning setzt auf ehrenamtliche Hilfe und freut sich vor allem über die Zusammenarbeit mit Jugendlichen der Werner-Heisenberg-Realschule, die regelmäßig im Haus Bethesda vorbeischauen und ganz unbefangen auf die Bewohner zugehen. "Das ist wirklich toll", sagt sie.

Ihr Blick richtet sich aufs Außengelände: weite Felder, viel Natur, viel frische Luft zum Durchatmen. Wenn es die physischen Möglichkeiten erlauben, gehen Bewohner ein paar Meter und mehr. Manchmal verweilen sie auf einer Bank oder lauschen dem montierten Klangspiel im Garten. Auch das soll beschützte Normalität sein.

(RP)