1. NRW
  2. Städte
  3. Ratingen

Klänge: Ansgar Wallenhorst ließ im Corona-Jahr tröstende Töne erklingen

Ratingen und Corona : Mit Musik gegen die Corona-Krise

Schöne Klänge tun der Seele gut. Ansgar Wallenhorst sorgt mit seiner Musik in St. Peter und Paul für ein besonderes Wohlgefühl. Er musste mit Blick auf coronabedingte Organisationsprobleme immer wieder improvisieren.

Egal, was Corona uns antun will – Ansgar Wallenhorst hält mit seiner Musik in St. Peter und Paul dagegen. Als im März die umliegenden Geschäfte schlossen, Kontaktbeschränkungen verordnet wurden und die Kirche überall auf die Feier von Gottesdiensten verzichtete, öffnete St. Peter und Paul sein Hauptportal. Hier zogen vormals nur die liturgischen Prozessionen an Feiertagen ein und aus.

Der Grund für ein weit geöffnetes Hauptportal war erst einmal dem Corona-Schutzkonzept geschuldet: Zu enge Begegnungen in den schmaleren Nord- und Südportalen mit ihren Windfängen galt es zu vermeiden, und der Luftzug vom Hauptportal bis zur viel frequentierten Marienkapelle sorgte für eine geforderte Querlüftung.

Unter der imposanten niederrheinischen Kreuzigungsgruppe in der Turmkapelle wurden ein Kerzenständer und ein Fürbitte-Buch installiert, um Besuchern hier einen Ort der Ruhe und des Gebets zu geben. Da es keine Gottesdienste gab, haben Pastor Daniel Schilling und die Benediktiner-Mönche von Glenstal Abbey, mit denen man durch die Stipendiaten aus Irland seit vielen Jahren besonders verbunden ist, die Gebetsanliegen aus der Corona-Kapelle in ihren nicht öffentlichen Messen besonders bedacht.

Ostern ohne Gottesdienst – das haben selbst die 1945 schwer beschädigten Osttürme wohl selten erlebt. So entsandte Ansgar Wallenhorst am Ostersonntag eine kleine Sängerschar der Schola juvenalis und den Countertenor Jan Kullmann, der die Bachkantate hätte singen sollen, zum Osterlob in die Osttürme: Trompeter Frank Düppenbecker und Sohn bliesen aus den Dachgauben den Osterjubel über die Dächer der Stadt. Was schon Ostern für Erstaunen gesorgt hatte, wurde zum bewunderten „organ-thunderstorm-keyboard“: ein Mini-Midi-Keyboard – durch die Turmkapelle über Internetkabel mit der Orgelanlage verbunden. Und es sorgte seit Ostern vom Kirchplatz aus für vollen Orgelsound.

Die imposanten 120 Dezibel im Innenraum (von einem startenden Düsenjet kommen noch in 100 Metern Entfernung 125 Dezibel an) zeigten sich als ideale Schallquelle fürs Singen gegen das Virus auf den Stufen des Hauptportals, auf dem Kirchplatz bis über den Markt. Auf Pfingsten zu und dann wieder beim wöchentlichen „Evensong“ im Advent gaben sich vor dem Westturm Instrumentalisten, Sänger und eine mutig mit Abstand singende Gemeinde ein Stelldichein, umrahmt von Menschen aus St. Peter und Paul mit biblischen Texten und Lyrik.

Mit den ersten Gottesdiensten im Mai stellte sich die Frage, wie Zugang und Abgang der Orgelempore geregelt werden könnten für die Sänger, die in kleinen Formationen mit großen Abständen dort singen würden. Kein Problem in Ratingens Stadtpfarrkirche, denn der mittelalterliche Aufgang durch dickes Mauerwerk bis in die Michaelskapelle dient bereits als Aufgang.

Runter geht’s durch den sonst üblichen Wendeltreppen-Weg im kleinen Türmchen des 19. Jahrhunderts an der Nordseite. So konnten Begegnungen auf den schmalen Treppen ausgeschlossen werden.

Wallenhorst kann – im Gegensatz zu vielen anderen Profi-Musiker-Kollegen – täglich für andere Menschen musizieren. Und immer dann, wenn er durch diesen mittelalterlichen Aufgang in den Turm steigt, beschleicht ihn das Gefühl, einen Raum zu betreten, der seit Jahrhunderten, in Kriegszeiten, bei Feuer in der Stadt, bei persönlichen Ängsten und Notlagen und auch zu Pest- und Seuchenzeiten den Menschen Schutz und Segen war. In der heutigen Michaelskapelle im ersten Stock fällt spärliches Licht durch die Lichtschächte in den meterdicken Mauern. Es ist ein Ort, der Künstler und Musiker bis heute immer wieder fasziniert und inspiriert. Hier stand über Jahrhunderte die Lunge der Orgel: das Gebläse. Erst ab den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sorgt ein Motor für den nötigen Wind für die Orgelpfeifen.

An einem heißen Sommertag Anfang August 2020 nun machte sich eine kleine Schar von Sängern aus den jungen Ensembles mit dem Kantor auf den Weg und stieg eine Treppe höher. Unter der Glockenstube liegt in der zweiten Turmetage ein Zwischengeschoss, das auf einer Ebene Laufböden zur nächsten Etage und zur Kammer des alten Uhrwerks beherbergt. Darunter jedoch liegt ein ungenutzter Raum, ein typischer Abstell- und Gerümpelort.

„Wir haben säckeweise Schutt, Dreck, Vogelgerippe und Holzreste rausgetragen, und zum Vorschein kam eine wahre „belétage“ des Turms, die wir ,Quasimodo-Chapelle’ getauft haben – nach dem Glöckner von Notre Dame. Die Original-Balken und die Kunst der Zimmerleute aus dem 13. Jahrhundert, die leider in Notre Dame in Paris verbrannt sind, kann man hier noch bewundern.“ Das Ziel des Unternehmens war klar: Die Tradition des Sommerkinos im Wallenhorstschen Kantorengarten an der Grütstraße, wo die „Männerstimmen“ der Jungenschola zusammenkommen, kann nun witterungsunabhängig und sogar unter Wahrung von Corona-Abständen und Luftumwälzung hier im Turm stattfinden. Mit alten Stühlen, Mini-Beamer und Laken als Leinwand ausgestattet, mit Espresso-Bar am unteren Ende der Treppe und einem mittelalterlichen Stich von Notre-Dame wurde das vermutlich höchstgelegene Kino weit und breit eingeweiht. Es erfreut sich als neuer Versammlungsort kleiner Gruppen bis zwölf Personen großer Beliebtheit bei den Kirchenmusik-Gruppierungen.