Ratingen : Keine Klagemauer

Freitag, 27. September. Wir sind in Jerusalem und erleben den Beginn des Sabbat. Am Abend sind plötzlich die Straßen leer. Im Hotel ist eine Seitentüre offen und ersetzt für die Zeit der Sabbatruhe die Drehtür.

Denn die müsste man ja mit der Hand in Bewegung setzen. Und Arbeit ist am Sabbat strikt verboten. Nicht einmal einen Fahrstuhlknopf zu drücken ist erlaubt. Der Fahrstuhl hält stattdessen einfach in jedem Stockwerk. Sabbat, jüdischer Ruhetag – ein Tag der Verbote?

Wenn Sie es wissen wollen, folgen Sie mir an diesem 27. September zur Klagemauer mitten in Jerusalem. Der Platz davor wurde stark vergrößert. Die Kontrollen finden schon an den Zugängen statt. Und da, wo ich vor 40 Jahren noch einen neu ausgegrabenen Teil der Klagemauer bewunderte, ist heute eine Synagoge eingerichtet. Ich darf – natürlich mit Kopfbedeckung – bis zur Klagemauer gehen, sie auch berühren und – wenn es nicht stört – mit den Besuchern reden. Wie schon gesagt: Es ist Sabbatabend. Und ich erlebe keine Klagemauer, sondern eine Freudenmauer. Menschen im lauten Gebet, Menschen, die miteinander diskutieren, Menschen, die einfach herumschlendern, sich begegnen und begrüßen. Plötzlich wird es neben mir richtig laut: Einige Männer, mit Kindern an der Hand, tanzen singend im Kreis. Gehobene Stimmung, ja Fröhlichkeit überall. Ich kann mich überhaupt nicht mehr lösen von all den bunten Eindrücken in der lauen, warmen Nacht. Auf dem Weg durch die Altstadt höre ich überall „Schabbat Schalom“-Rufe. Junge Soldatinnen und Soldaten ziehen mit munteren Gesprächen durch die engen Gassen, eine Familie isst vor ihrem Haus zu Abend und zwei festlich gekleidete Männer spielen ein Brettspiel.

Sabbat – das ist eine Freudenzeit, geschenkte Zeit, Ruhe, die man genießen darf. Es geht nicht um die Verbote. Sie dienen nur dazu, wirklich abzuschalten. Es geht darum, Zeit für sich und Zeit für Gott zu finden. Am Sabbat ist sogar die Klagemauer keine Klagemauer mehr. Der Feiertag, von Freitagabend bis Samstagabend, ist ein wöchentliches Fest, das neue Kraft schenkt. Als Christ fragt man sich: Was haben wir eigentlich aus unserem Sonntag gemacht? Mehr Sabbat würde uns gut tun.

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