Ratingen: Herr Karasek erzählt stundenlang Witze

Ratingen: Herr Karasek erzählt stundenlang Witze

Mit der launigen Plauderstunde des bekannten Literaturkritikers endete das Festival der Stimmen – vor vollem Haus, versteht sich.

Der Albtraum einer Abendgesellschaft schlechthin: Ein Mann sitzt am Tisch, möglicherweise Wasser im Weinglas, und erzählt zwei Stunden lang Witze, auch "Kommt ein Mann zum Arzt". So geschehen als wortreicher Abschluss von "Voices", dem Festival der Stimmen.

Aber es war kein Albtraum, es war gut beklatschte und hocherfreut aufgenommene Unterhaltung, denn der Herr am Tisch auf der Bühne war Hellmuth Karasek, von Profession und TV-Präsenz mit hohem Prominenten-Faktor versehen und mit freundlichem Wesen gesegnet. Dennoch erzählte er unheimlich viele Witze – gehörten sie doch zu seiner letzten großen literarischen Arbeit "Das soll ein Witz sein", vor einem Jahr erschienen und Vehikel für mancherlei launige Lesestunde. Zwei Jahrzehnte hatte er der Kulturredaktion des Magazins "Der Spiegel" vorgesessen, im literarischen Quartett gesessen und sitzt immer wieder auf Buchmessen und in Promi-Quiz-Sendungen.

Er ist freundlich und witzig und dem Publikum sehr wohl zugewandt, er erzählt erst ein Märchen von Grimm und macht freundliche Scherzchen zum Sprung von der Bühne, den Beigeordneter Dirk Tratzig zelebriert, grantelt ein wenig über die Beleuchtung und tut das alles mit seiner höchst angenehmen Stimme. Das Publikum, in großer Zahl erschienen und eher in den so genannten besten Jahren denn in jugendlichem Überschwang, hängt an seinen Lippen, kichert mit, nimmt fast jeden Joke begeistert auf. Natürlich liest er nicht aus dem Buch – das wäre verschenktes Kapital. Aber er berichtet, wie manche Wortspielereien wo einschlugen, wie der eine Witz bei dem, der andere bei einem anderen Zuhörer ankommt, räsoniert über "preußischen Charme" und "österreichisches Pflichtbewusstsein".

Dabei langt er in der Erinnerung nach rechts und links, belustigt sich und andere an einem Exkurs über Freud und die spartanische Kürze jüdischer Witze, gesteht seine Liebe zu Hunde-, Elefanten- und überhaupt Tierwitzen und weiß einem frauenfeindlichen Witz gleich einen nachzuschieben, bei dem Männer nicht gut wegkommen. Der praktische Teil des Abends wiegt mehr, der theoretische – den man ausführlich im Buch findet – kommt ein bisschen zu kurz.

Doch dann, um 20.20 Uhr, kurz vor dem letzten, dem einzigen Witz mit Schlüpfrigkeit, erzählt er, worauf das ganze Haus offenbar seit Stunden wartet: Er erinnert an sein Leben mit Reich-Ranicki, und das auch noch gut nachgemacht, an die Sendung vom 15. August 1993, die mit dem Donner nach der Kritik an Martin Walser. Größte Begeisterung in allen Reihen.

Nach dem Auftritt setzt der 78-Jährige seinem Besuch noch ein Sahnehäubchen auf: Er signiert mit unerschütterlicher Geduld seine Werke am Büchertisch.

(gaha)