1. NRW
  2. Städte
  3. Ratingen

Heiligenhaus: So trifft die Corona-Krise kleine Gewerbetreibende

Handel und Handwerk : „Mein Steuerberater informiert jeden Tag neu“

Eine Goldschmiedin, eine Boutiquen-Chefin und eine Fachfrau für Lichtwerbung berichten, wie es um ihre Geschäfte bestellt ist.

„Im Handwerk hatte man bis zum Ausbruch der Corona-Epidemie das Gefühl: Das beginnt in einer Phase prall gefüllter Auftragsbücher.“ Auftrräge, das stellte sich für Isabel Fechner-Müller schnell heraus, sind in diesen Tagen aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere: „Jetzt steht sehr viel Material im Lager, das nicht verbaut werden kann.“ Angesichts vieler von Amts wegen geschlossener Geschäfte ist es eben nicht ohne weiteres möglich, bestellte Arrangements auch aufzubauen, sagt die Fachfrau für Lichtwerbung. „Viele Aufträge sind auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.“ Das gilt auch für ein Produkt, das prinzipiell in diesen Tagen sehr gefragt ist. Acrylglas-Konstruktionen zum Aufstellen auf Geschäftstheken mit Durchreiche. „Einige habe ich verkauft, aber auch diese Aufträge werden jetzt zurückgestellt.“

Die konkrete Folge: Fechner-Müller hat bereits an 18. März Kurzarbeit für zwei Vollzeit-Angestellte beantragen müssen. „Von der Agentur für Arbeit kam bisher aber nicht mal eine Kundennummer zurück“, so die Zwischenbilanz Ende vergangener Woche. Den Antrag habe sie persönlich nach Mettmann gebracht und dort eingeworfen. Ihre Befürchtung jetzt: „Es fallen volle Lohnzahlungen an – und der Ausgleich kommt möglicherweise irgendwann viel später.“ Nicht zu vergessen, dass auch die Miete für das Ladenlokal an der Hauptstraße weiter fällig bleibt. Eine Umsatzsteuer-Rückforderung hat Fechner-Müller bereits gestellt – „und mein Steuerberater kommt quasi jeden Tag mit neuen Informationen“. Noch offen blieb zunächst, ob und wann sie die Soforthilfe-Zahlungen für Gewerbetreibende in Anspruch nehmen wird. „Auf Sicht werde ich nicht darum herumkommen“, so ihre Prognose.

Zu ihrer persönlichen Zwischenbilanz gehört aber auch eine andere Überlegung: „Uns geht es in dieser Zeit noch mit am besten, Handwerker dürfen ja noch arbeiten. Bei anderen schlägt das Schicksal noch ganz anders zu.“

Von „Schicksal“ spricht Goldschmiedin Steffi Morgenstern nicht. Stattdessen stellt sie nüchtern fest: „Der Betrieb ist zum Erliegen gekommen. Schmuck ist in dieser Zeit wohl mit das Letzte, an das Leute denken. Zumal, wenn sie im Alltag Schutzhandschuhe tragen.“ Für drei angestellte Goldschmiede bedeute das: Kurzarbeit. Reparaturen werden noch angenommen und erledigte Aufträge beliefert oder zum Abholen bereit gelegt. Finanziell zeichnet sich schon jetzt für sie mindestens ein Balanceakt ab. „Die 9000 Euro Soforthilfe habe ich beantragt. Sie wurden schnell bewilligt, aber das Geld ist schlicht noch nicht da. Und die wirklichen Kosten deckt das natürlich auch nicht.“

Luft verschaffe einstweilen der Dispositionskredit. Zudem habe sie nach 33 Berufsjahren „ein kleines finanzielles Polster, aber damit kann ich sicher nicht drei Monate einfach so überbrücken“.

Anna Pastor betreibt zwei Modeboutiquen, (“Juli & Phil“) in Essen Steele und in Heiligenhaus. Ihre Schilderung lässt keinen Deutungsspielraum: „Es geht alles den Bach runter, ich habe seit dem 18. März, dem Tag der Schließung, keine Einkünfte mehr.“

Die 9000 Euro Soforthilfe seien zwar schon geflossen, aber „das deckt gerade mal die Fixkosten für einen Monat. Wie wird das im Mai? Ich habe keine Ahnung“, sagt Anna Pastor. Ihre Heiligenhauser Vermieterin habe freundlicherweise zunächst die Miete gestundet. Dafür ist sie dankbar, sagt aber auch: „Das löst das Problem nicht wirklich, denn ich muss ja später zahlen.“ Sie ist seit acht Jahren selbständig, mit zwei völlig unterschiedlichen Geschäften.

Die Schaufenster hat sie inzwischen umdekoriert, macht auf Verkaufsmöglichkeiten und  Kontakt via Telefon und soziale Netzwerke aufmerksam. Ihre Befürchtung: „Wenn überhaupt gekauft wird, dann im Internet.“ Ohne eigenen Onlineshop wäre es noch einmal schwieriger.