Heiligenhaus: Künstler verlassen das Alte Pastorat

Heiligenhaus : Künstler verlassen das Alte Pastorat

An diesem Wochenende feiern sie einen bildgewaltigen Abschied aus ihrem Refugium auf Zeit.

Es war von Anfang an eine Schatzinsel auf Zeit. Als die Kulturschaffenden des Kunstquadrates 2014 das damals bereits seit sechs Jahren leer stehende, und von Wasser, Gas und Strom getrennte Alte Pastorat im Rahmen der Neanderland-Tatorte als künstlerische Experimentier- und Ausstellungsfläche kaperten, machten sie es zu einem zentralgelegenen Kunsttempel in der Stadt – Heiligenhaus‘ einzigem öffentlichen Haus für bildende Kunst.

Schon damals nur mit Planungssicherheit von maximal einem halben Jahr: „Wir haben trotz aller städtischen Pläne immer weiter Ausstellungen geplant. Jetzt aber ist der Abschied für das Haus mit Platz für zeitgenössische, moderne Kunst wirklich endgültig. Die Bauzäune sind schon da und am 4. April ist Schlüsselübergabe“, sagt Kurator und Kunstquadrat-Gründungsmitglied Thomas Pischke. Die Thormählen-Stiftung wird bauen: ein Café, ein barrierefreies Hotel sowie die Zentrale des Vereins für Menschen mit Behinderungen ProMobil werden hier Platz finden. „Eine bessere Nutzung kann man sich gar nicht wünschen“, findet Pischke. In Abstimmung mit der Thormählen-Stiftung, und dank eines finanziellen Zuschusses für Materialkosten von dort ist der Abschied der Künstler farbenfroh und bildgewaltig.

Und so guerillaartig sie eingezogen sind, ziehen sie nun auch wieder aus dem Haus ohne Versorgungsleitungen aus: Mit der Ausstellung „Bomb da Haus“ verabschiedet sich das Künstlerkollektiv an diesem Wochenende, jeweils 10 bis 18 Uhr, bei kostenfreiem Eintritt und ohne Rücksicht auf zukünftige Nutzung an diesem Wochenende mit Werken von mehr als elf Künstlern und dem Schwerpunkt UrbanArt und Graffiti von dem geschichtsträchtigen letzten Teil des ehemaligen Komplexes um das ehemalige Haus der Kirche. Dabei wird das Alte Pastorat auch noch bis zum letzten Moment Experimentierfläche für die Künstler bleiben, wie zum Beispiel ein kurzfristig im Erdgeschoss entstandenes Graffito um den kürzlich verstorbenen Prodigy-Frontman Keith Flint. Die spannenden Werke, wie der riesige gesprayte Käfer vor einer düsteren Landschaft, riesige Graffiti auf abblätternden Wänden, Tapeart sowie digitalen Grafiken zeigen noch einmal, wie, dank gut geknüpfter Netzwerke, moderne Kunst auch in kleineren Städte Platz finden kann.

Mit etwa 100 Euro Zuschuss pro Raum für Material konnten die Künstler dabei unterstützt werden. Das decke aber nur bedingt die Kosten. „Letztendlich zahlen wir drauf“, sagt Pischke, der sich mit dem Abschied von den dauerhaften Ausstellungs- und Atelierräumen auch erst einmal von seiner politischen Arbeit verabschiedet. „Von etwa einem Dutzend Anträge die ich eingebracht habe, wurde kein einziger so wie beantragt umgesetzt“, sagt Pischke resignierend.

Städtische Fördergelder für das Alte Pastorat zu erhalten, das bei seinen Ausstellungen zu Stadtfesten und anderen Rahmenveranstaltungen insgesamt mehrere tausend Besucher anziehen konnte und in dem auch Schüler ausstellten, war ein Kampf gegen Windmühlen. Das Kunstquadrat wird weitermachen und zu seinen Wurzeln, der Street Art unter freiem Himmel zurück kehren.

Die neue Kulturbüro-Chefin Almuth Schildmann-Brack dagegen hegt Hoffnung für Ausstellungsmöglichkeiten: „Wir haben viele Ideen. Spruchreif ist davon aber noch nichts.“

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