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Heiligenhaus: Gesamtschul-Pionier Jakob Muth und seine Arbeit in der Stadt

Heiligenhaus : Wie Jakob Muth eine Schulform mit erfand

Der Wahl-Heiligenhauser Jakob Muth war ein Bildungspionier mit Weitblick. Sein Lebenswerk drehte sich um gemeinsames Lernen an der Gesamtschule oder in der Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Ende des Monats hätte er seinen 93. Geburtstag gefeiert: Der Reformpädagoge Professor Dr. Jakob Muth. In Heiligenhaus trägt eine Straße am Campus seinen Namen; die Spuren, die er hinterlassen hat, finden sich aber noch an anderen Stellen. An der Hülsbecker Straße zum Beispiel.

Denn der pädagogische Vordenker gehörte zu den frühen Verfechtern der Schulform Gesamtschule, auf der alle Abschlüsse gemacht werden können. Das gemeinsames Lernen, auch von Menschen mit und ohne Behinderung wurde dabei zu seinem Lebensthema. Doch die Gesamtschule als Schulform war auch in NRW hart umkämpft. Als die grundlegende Idee sich Mitte der 60er Jahre konkretisiert, setzt er, der ab 1960 an der pädagogischen Hochschule Kettwig (später Duisburg) lehrt, sie von 1962 bis 1964 zeitweise leitet, sich für sie ein. Ein hartes Stück Überzeugungsarbeit. Erste politische Experimente, eine Orientierungsstufe für die 5. und 6. Klassen einzurichten, scheitern 1978 an einem Bürgerbegehren. Er stieg kurzerhand für die Sozialdemokraten selbst in die Politik ein und mit der Änderung des Schulgesetzes 1981 wurde die Gesamtschule zur gleichberechtigten Regelschule.

 Jakob Muth (1927 bis 1993) bildete in Heiligenhaus Lehrer aus.
Jakob Muth (1927 bis 1993) bildete in Heiligenhaus Lehrer aus. Foto: Blazy, Achim (abz)
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Da lebte er bereits seit den 60er Jahren in Heiligenhaus, wo seine Essener Studierenden in den Landschulen Adolf-Clarenbach und in der Abtsküche regelmäßig Praktika absolvierten. Von 1969 bis 1980 saß er für SPD Heiligenhauser Rat und war in den 70er Jahren Vorsitzender des Schulausschusses. In dem blieb er auch als sachkundiger Bürger nach 1980 noch aktiv und führte den Kampf gegen Widerstände, um doch eine Gesamtschule in den Ort zu holen - sie wurde 1992 eröffnet. In über 400 Veröffentlichungen widmete sich der Pädagoge der Inklusion von Menschen mit Behinderung, schrieb Schulbücher und formte pädagogische Modelle.

Seine Devise: „So viel Integration wie möglich und so wenig Separation wie notwendig.“ In Anerkennung seiner Verdienste auf diesem Gebiet wurde er als „Vater der Integrationspädagogik“ im November 1992 mit dem renommierten Comenius-Preis ausgezeichnet.

Die Wurzeln für sein Engagement wurden dabei wohl schon früh gelegt: Geboren 1927 und aufgewachsen ist Muth auf einem Bauernhof im rheinland-pfälzischen Gimbsheim in eine Dorfgemeinschaft,die weitgehend für sich blieb. Die Geschlossenheit der Einwohner führte zu einem höheren Anteil von Menschen mit Behinderung. Körperliche und geistige Schwächen jedoch wurden ganz selbstverständlich von der Gemeinde angenommen. Dies sollte Muth prägen. Aber nicht nur das. Von 1940 sollte er - wer ihn dafür empfohlen hat, ist nicht überliefert - für vier Jahre als Schüler die „Ordensburg Sonthofen“ besuchen, kein bloßes Internat, sondern eine Eliteschule der Nationalsozialisten, in der die Ideologie des Regimes des brutalen Ausschlusses propagiert wird. „Aus nachträglicher Sicht kann man heute erkennen, dass dies nicht die Haltung Jakob Muths war, sie im Gegenteil eine Oppositionshaltung in ihm erzeugt hat, die insbesondere seine wissenschaftliche Arbeit deutlich geprägt hat“, schreiben sein Sohn Dr. Henning Muth und Weggefährte Klaus Biehler in einem Aufsatz im Cis Hilinciweg des Geschichtsvereins.

Mit 17 wurde Jakob Muth dann an die Front geschickt, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft und flüchtete zu Fuß in die Heimat nach Gimbsheim. Er macht eine Ausbildung zum Maurer, arbeitet am Wiederaufbau von Mainz und legt währenddessen das Abitur ab.

Doch in seiner Heimatgemeinde fühlt er sich nach seiner Schulzeit an der Ordensburg nicht mehr wohl. „Er verließ sein geliebtes Heimatdorf mit dem Gefühl, dass ihm etwas angeheftet wurde, was man ihm wegen seiner Kindheit überhaupt nicht anrechnen dürfen“, schreiben sein Sohn und Biehler.

Jakob Muth starb im April 1993 im Alter von 65 Jahren. Im nächsten Teil folgen wir den Spuren eines ganz besonderen Gebäudes in der Hofermühle.